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Wunderwelt Theater

Seit Oktober stehen 16 Jugendliche in „Neverland“ auf der Bühne. Das Publikum erwartet eine traumhafte Geschichte vom ganz großen Glück – ein gelungenes Beispiel für das Konzept des Jungen Schauspiels Hannover.

Die Stimme von Dramaturg Volker Bürger hallt durch den dunklen Raum, über die Bühne: „Stellt euch vor, euer größter Albtraum wird wahr.“ Kurzes Zögern bei den auf ihr sitzenden Jungendlichen. Doch plötzlich herrscht ein fürchterliches Geschrei, einige laufen verwirrt in der Gegend rum, andere fangen sogar an zu weinen. Einer von ihnen ruft plötzlich: „Ich kann das so nicht, ich habe immer im Kopf, dass es ein Casting ist.“

Ein Casting? Ja, hier wurde gecastet, etwas intensiver als in den oft gesehenen Fernsehshows, aber dafür auch weniger gestellt. Gesucht wurden Schauspieler für „Neverland“, das neue Theaterprojekt von Enercity Network und dem Jungen Schauspiel Hannover. 300 Jugendliche waren beim Casting angetreten. Dann ging es darum, die 16 von ihnen zu finden, die inzwischen auf der Bühne stehen. Sie durchliefen eine ganze Reihe von Proben und Interviews auf der Bühne und auch vor der Kamera. Trotz des relativ großen Zeitdrucks nahm sich das Team um Regisseur Robert Lehninger aber dennoch viel Zeit, um sich von jedem Bewerber ein genaues Bild machen zu können und zu sehen, wo „die Chemie stimmt“.

Mut über sich hinaus zu wachsen

Nach etlichen langen, oftmals nächtlichen Sitzungen standen die Teilnehmer fest. Lehninger schwärmt heute noch vom Mut der Jugendlichen. Mut, den die 14- bis 21-Jährigen in den darauf folgenden Wochen wirklich brauchten. Ihre Tage bestanden von da an nur noch aus harten Proben, einem Videodreh in der Eilenriede und noch mehr Proben. Hinzu kamen das gemeinsame Feilen am Stück, die Angst vor der Premiere, aber dennoch stand am Ende das unschlagbare Gefühl, gemeinschaftlich über sich hinausgewachsen zu sein, ganz oben.

Beistand vom Profi

Einer, der ihnen bei ihren Erfahrungen bedingungslos beistand, war Marc Prätsch. Er hat schon an einigen Theaterprojekten mit Jugendlichen mitgearbeitet und weiß wirklich, wovon er spricht, wenn es darum geht, Höhen und Tiefen heil zu überstehen. Die Erfahrungen als Schauspieler und Regisseur bringt er nun auch in seine neuen Funktion als Leiter des Jungen Schauspiels Hannover ein. Sein Engagement wurde schon in den ersten Tagen seiner „Amtszeit“ deutlich: Sein Büro war noch nicht eingerichtet, aber der neue Spielplan für die kommende Zeit wurde zusammen mit Dramaturgin Vivica Bocks auf die Beine gestellt.

Info

Neverland
noch am 14.12, 20.12 und 26.12, jeweils um 20.30

Trollmanns Kampf
9.12 um 19.30

Wendy's Popmärchen
erst im nächsten Jahr

** alles Ballhof 1 **


Der neue Spielplan

Thematisch ist es der politischste Spielplan, den es je beim Jungen Schauspiel gab. Prätsch will sich den „großen sozialpolitischen Fragen stellen“ und Themen wie Abschiebung und Asylrecht angehen. Oder zeigen, wie aus der Utopie einer gerechten Gesellschaft eine Terrorherrschaft werden kann. Politisch belehren möchte er damit aber keinesfalls: „Theater ist kein Volkshochschulkurs. Es soll keine Gesinnung vorleben, sondern die Dinge dialektisch von allen Seiten betrachten. Da, wo die Widersprüche liegen, da ist Theater interessant.“ Eine Aussage, die auch von Lars-Ole Walburg, dem Intendanten des Schauspiels Hannover, stammen könnte. „Eine Trennung zwischen Jungem und – sagen wir mal – nicht mehr ganz jungem Schauspiel gibt es in Hannover nicht; zumindest nicht, was den künstlerischen Anspruch angeht. Nur thematisch gehen Prinzenstraße und Ballhofplatz getrennte Wege.“

Ein Ort für Gefühl

Das Junge Schauspiel will Jugendliche für das Theater begeistern und ihnen vermitteln, dass Theater ein Ort ist, an dem sie ihre ganz eigenen Gefühle wie Angst oder Verzweiflung auf einem künstlerischen Weg verarbeiten können. „Partizipation“ ist dabei auch in der vierten Spielzeit ein wichtiges Stichwort. Der Bedarf an aktiver Teilnahme ist groß, das zeigt nicht nur der Erfolg mit Enercity Network, sondern auch die Reaktion auf Inszenierungen wie „Trollmanns Kampf – Mer Zikrales“. Im April 2010 standen dafür jugendliche Sinti erstmals auf der Bühne und präsentierten ihre Sicht auf die Geschichte des hannoverschen Boxers Johann Trollmann und damit auch ihre eigenen Diskriminierungserfahrungen. „Wir haben uns eine große Last von der Seele gesprochen“, so die 18-jährige Hauptdarstellerin.

Sinnliches Ereignis, das einen aufwühlt

Neben dem Faktor der gesellschaftlichen Relevanz spielt für das Theater rund um den Ballhof aber noch ein anderer Aspekt eine entscheidende Rolle: „Du sollst dich nicht langweilen!“ Wenn es nach Marc Prätsch geht, ist Theater eben nicht nur Dialektik, sondern auch ein „sinnliches Ereignis, das einen aufwühlt“.
Beim Projekt „Neverland“ hat sich dieses Gefühl auf jeden Fall übertragen. Gut drei Monate nach dem Casting proben die damals Ausgewählten schon für das nächste Stück, „Wendys Popmärchen“ steht auf dem Programm. Um die „verlorenen Jungs“ (Peter Pans Gefolgschaft in „Neverland“) zu beruhigen, erzählen drei Mädchen eine Märchenvariante von der Erfolgsgeschichte der Jackson Five. Schon in den Proben wird klar, wie hart die Jugendlichen an sich gearbeitet haben. Sie sind leidenschaftlich, konzentriert, mitreißend. Wie auch immer die Meinungen über „Neverland“ und „Wendys Popmärchen“ ausfallen mögen, eines steht fest: Hier wurden nicht einfach 16 Jugendliche entdeckt, sondern sie hatten die Möglichkeit, sich durch das Theater selbst zu entdecken.

Von Gesa Petzold

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