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Der Tango, wie er im Welttanzprogramm unter der Rubrik Standard verankert ist, wurde aus dem Tango argentino entwickelt, um in der europäischen Kultur leichter integrierbar zu sein. Erst in den letzten zwanzig Jahren hat sich in Deutschland eine Tango-argentino-Szene etabliert, mit Berlin als Hauptstadt. Aber auch in Hannover kann jeden Abend getanzt werden.
Über das Parkett gleitende Füße, deren Schritte mit Bedacht gewählt sind: Schreitende Paare vollziehen langsame Bewegungen, die Körperspannung ist sichtlich spürbar. Ihre Haltung ist anmutig und würdevoll. Nur Kleidung und Aussehen brechen mit dem Stereotyp des Tangotänzers: Schwarzer Anzug, nach hinten gekämmte Haare, eine Rose zwischen den Zähnen.
In der Tanzschule Tangoculto in Hannovers Nordstadt sind T-Shirt, Pullover und Jeans die Norm. Der Argentinier Juan Pablo Alonso (35), aufgewachsen in Buenos Aires, und seine Partnerin Anne Müller (36) unterrichten den „echten“ Tango, Tango argentino. Auch ein paar Straßen weiter, im Club de Tango, empfinden die Tanzlehrer Tine Weiß (41) und Mark von Rahden (46) den Tango als sinnlich und nicht erotisch. Tiefes Dekolleté und Netzstrümpfe sind ein Klischee. Ebenso wenig ist der Mann Dompteur und die Frau die Unterwürfige. „Es gibt zwar zwei Rollen, die führende und die folgende, dennoch ist es ein ebenbürtiger Tanz“, stellt Tine Weiß klar.
Besonders sollte der Tango argentino als Improvisation verstanden werden. „Wir unterrichten zwar einen Grundschritt, den Paso básico – acht Schritte auf acht Takte – doch der dient nur als Leiter, an der man sich entlang hangelt, um dann frei zu tanzen“, erklärt Mark von Rahden. Nichtsdestotrotz gibt es Techniken und Figuren. In der zweiten Etage der alten Grammophonfabrik in der Nordstadt tragen der alte Dachstuhl aus Holz, das gedämpfte Licht und die roten Klinker der Wände den wehmütigen, schweren Rhythmus und den tristen, spanischen Gesang durch den Raum. Tine und Mark führen gerade einen Boleo vor, eine Bewegung, bei der das Bein der Tänzerin in der Drehung einen Bogen schlägt, ähnlich einer Wurfschlinge. Daher der Name: Die Boleador ist die Wurfschlinge der Viehhirten (Gauchos), mit der sie Kühe eingefangen haben.
Zu den Personen
Tine Weiß und Mark von Rahden wurden von namhaften Tangogrößen tänzerisch und tanzdidaktisch ausgebildet. Tine unterrichtet Tango argentino seit elf, Mark seit acht Jahren.
Juan Pablo Alonso ist aufgewachsen im Viertel „Mataderos“ in Buenos Aires, seit Kindheitstagen hört er Tango argentino, unterrichtet ihn, seit er 21 Jahre alt ist. 2003 kam er nach Deutschland. Seit 2005 arbeitet er zusammen mit Anne Müller.
Von Gauchos und Compadritos
Die Gauchos flohen Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund sozialer Not in die Vorstädte von Buenos Aires oder Montevideo. Von nun an ohne Pferd, waren sie Compadres (Kumpel). Ihre eigentümliche Sprache und ihr beherzt vorgetragenes Lied übernahmen die Immigrantensöhne der Vorstadt und wurden zu Compadritos. In der Stadt mischte sich die Payada, die Musik der ehemaligen gauchesken Stehgreifsänger, mit Einflüssen einer kultischen Tanzpantomime der Afro-Amerikaner, dem Candombe, zur städtischen Milonga. Gleichzeitig verbreiteten sich unter den vielen Einwanderern in den Hafenmilieus die kubanische Habanera und der spanische Tango andaluz. Die Choreographie des Tango entwickelten letztlich die Compadritos, indem sie Tänze und Tanzschritte anderer Bevölkerungsgruppen karikierten und veränderten. Gleichwohl betrieben Bardamen und Prostituierte, so genannte Milonguitas, zuallererst den Tangotanz professionell.
Es ist dieser Ausdruck verlorener Identität, der auch die Kursteilnehmer von Juan und Anne ergreift: Klavier und Bandoneon, dem Akkordeon ähnlich, wechseln sich ab, spitzen sich zu, es gibt keinen durchgängigen Rhythmus, mal ist es ein 2/4-, mal ein 6/8-Takt. Mit leicht geöffnetem Mund und halb geschlossenen Augen, fixiert, ohne zu blinzeln, wie in Trance führt ein älterer Herr seine Partnerin übers Parkett.
Über die Jahre entfalteten sich zahlreiche Formen: Tango de Salon für den Saal, Tango de Fantasia für die Bühne oder Tango Nuevo, dem oft vorgeworfen wird, er benötige zu viel Platz auf der Tanzfläche. Solche Schubladen zur Einordnung zu benutzen sei zwar möglich, nütze aber kaum jemandem, erklärt Mark von Rahden.
Kreativer Kontakt und unsittliche Choreographie
In Hannover gibt es etwa 500 aktive Tänzer, aber um die 5000, die einmal einen Kurs oder Workshop besucht haben. Tine und Mark sind nahe ihrer Kapazitätsgrenzen. „Die Faszination liegt im kreativen Kontakt mit einem Partner, ganz im Gegensatz zum Standardtango mit seinen langweiligen Schrittfolgen“, verdeutlicht Tine Weiß. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Tango argentino für zu obszön befunden und verlor dadurch ein wenig an choreographischem Reichtum. Ein Beispiel ist die Asentada: Das Gesäß der Frau landet auf dem Knie des Partners.
Sprache und Kultur sind nebensächlich im Tango argentino. Man trifft sich, putzt sich raus für die Tanzveranstaltungen, die Milongas. Um kurz vor 22 Uhr, nach fast anderthalbstündiger Tanzstunde, stöhnen die ersten Paare. Nicht so Juan, der immer noch zum Takt der Musik klatscht und mit den Fingern schnippt: „In Argentinien ist es wie eine Krankheit. Jeder tanzt Tango, in der Woche jeden Abend bis spät in die Nacht, und geht dann morgens zur Arbeit.“
Von Lars Marschollek |