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John Lennon: Vom „Nowhere Boy“ zur Legende

 Umgekrempelte Röhrenjeans, Elvis-Tolle und laute Gitarren: „Rock ’N‘ Roll bedeutet Sex“, enthüllt Julia Lennon ihrem 15-jährigen Sohn John. Wie sehr der spätere Beatle dieses Lebensgefühl verinnerlicht hat, ist allgemein bekannt.
Der Film "Nowhere Boy" geht anlässlich seines 30. Todestages im vergangenen Jahr zurück zu den Anfängen. Erzählt wird von einem verunsicherten, jungen Lennon in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels und dem Drama seiner Jugend.

„Leben ist das, was geschieht, während wir damit beschäftigt sind, andere Pläne zu schmieden.“ Besser als in dieser einen Textzeile („Beautiful Boy“, 1980) hätte John Winston Ono Lennon sein eigenes Leben nicht reflektieren können.

Es ist die Geschichte eines Beatle: Was wurde nicht bereits über die Fab Four geschrieben, welch kuriose Mythen diskutiert und dann doch verworfen? Wie oft ist ihre Musik glorifiziert, sind ihre Songs ein weiteres Mal – mit verbesserter Klangqualität, so heißt es – veröffentlicht worden, als sei es eine Mission, auch zukünftige Generationen auf das Erbe der Sechzigerjahre aufmerksam zu machen. In ihrem Spielfilmdebüt Nowhere Boy stellt die renommierte britische Fotografin und Videokünstlerin Sam Taylor-Wood jedoch ein anderes Jahrzehnt in den Fokus, eine Zeit, in der John, Paul, George und Ringo noch nicht als Einheit funktionierten und die Musikgeschichte kommender Jahre prägen sollten.

Als Genie im Nirgendwo

Zu Beginn der durchdringende, lautstarke Auftaktakkord von „A Hard Day’s Night“, dann ein Kameraschwenk vorbei an „Strawberry Fields“, einem Waisenhaus der Heilsarmee im englischen Woolton, und der Zuschauer findet sich im Liverpool der Fünfzigerjahre wieder. John Lennon (Aaron Johnson) lebt bei seiner Tante Mimi Smith (Kristin Scott Thomas) und deren Ehemann George (David Threlfall). Die gesellschaftlichen Konventionen gelten als überholt. Mimi ist das Sinnbild der konservativen Erziehung und ihrer Werte und Normen, an die sich die Elterngeneration klammert. Gefühle zu zeigen, gilt als Schwäche. Trauer ist unerwünscht. Als John nach dem plötzlichen Tod von Onkel George in Tränen ausbricht und seine Tante umarmt, antwortet diese nur nüchtern: „Sei nicht albern.“ Das Leben geht weiter – geordnet und diszipliniert –, aber nicht für John.

Auf der Beerdigung taucht eine rothaarige Frau auf, seine Mutter Julia (Anne-Marie Duff): Lebensbejahend, emotional, mit einem Faible für den aufkommenden Rock ’N‘ Roll. John entdeckt Elvis, er wird sein Vorbild: Er klaut Schallplatten, provoziert Rentnerinnen, wird vom Rektor seiner Schule mit Pornoheften erwischt. „Dein Weg wird im Nirgendwo enden“, prophezeit dieser dem rebellischen Teenager Lennon. „Leben im Nirgendwo viele Genies?“, antwortet John trotzig. Alsbald folgt seine Suspendierung.

John Lennon, der Egozentriker

Authentisch und mit sehr viel Sensibilität bringt Sam Taylor-Wood den Kontrast zwischen den beiden Schwestern zum Ausdruck. So gegensätzlich sich Mimi und Julia aber auch sind: Moderne versus Konservative, Klassik versus Rock ’N‘ Roll, schwarz gegen weiß; beide Charaktere bewegen sich aufeinander zu, wollen ein Stück von der Lebensphilosophie des Anderen in sich aufsaugen. Julia versucht sich an einer geordneten Existenz, mit Haus, Mann und Kindern. Mimi sollte der neuen musikalischen Stilrichtung gegenüber abgeneigt sein, dennoch kauft sie John eine Gitarre und unterstützt ihn weitestgehend.

Bei einem Auftritt seiner Band „The Quarrymen“ lernt er Paul McCartney (Thomas Sangster) kennen, der wiederum das Gegenstück zu John Lennon darstellt. Klein, zaghaft, wenig rebellisch. Für ihn zählt die Musik. Sein Können auf der Gitarre beeindruckt schließlich auch Lennon, und vielleicht bringt auch die Tatsache, dass McCartney ebenfalls seine Mutter in jungen Jahren verloren hat, die beiden einander näher. Doch dass Paul in Julia Lennon zunehmend einen mütterlichen Ersatz sieht, missfällt John. Ebenso stört es ihn, dass sie ständig mit der Band unterwegs ist; er äußert sein Unbehagen allerdings nicht. Sam Taylor-Wood portraitiert hier den jungen John Lennon als Egozentriker: Er ist der größte Rebell, das Genie (was er aber auch war), er hat die Band gegründet, und es ist eben auch seine Mutter.

„Mother – you had me, but i never had you.“


Mehr und mehr hinterfragt Lennon, warum er bei Mimi aufwachsen musste. Die Situation eskaliert schließlich, John erfährt die Wahrheit darüber, dass sein Vater mit ihm nach Neuseeland emigrieren wollte und Julia und er den damals fünfjährigen Sohn vor die Wahl gestellt haben, bei wem er lieber leben möchte. John entschied sich für den Vater, rannte aber weinend der Mutter hinterher. Es sollte nicht die einzige Zerreißprobe für ihn bleiben.

Aber Lennon versucht die Gratwanderung, will die Aussöhnung zwischen den beiden Schwestern. Möglicherweise hätten wir einen anderen Beatle John Lennon erlebt, aber im Moment der größten inneren Ausgeglichenheit – Mimi, Julia und John liegen im Garten in der Sonne –, kommt es zum größten Unglück. Julia wird von einem Auto angefahren und stirbt. Von da an steht die Musik über allem. Bald fällt die Entscheidung nach Hamburg zu reisen, für Auftritte. „Mit deiner neuen Band?“, fragt Mimi, als John ihr von den Plänen erzählt. Der Name Beatles fällt nicht. Der Rest ist Rockgeschichte.

Von Lars Marschollek

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