|
Schule geschieht am runden Tisch der Politik: Abitur nach 12, ohne Orientierungsstufe, dreigliedriges Schulsystem. Kein Spielraum für Gestaltung? Doch, wie zwei Beispiele aus Hannover zeigen.
Lara* hat noch nicht ganz ihre Schuhe und Jacke aus, da stürmt sie die Treppen hoch in ihr Zimmer. Die Tür knallt. Um 7.30 Uhr verlies die Zwölfjährige das Haus. Es folgten Mathe, Englisch, Geschichte, Deutsch und Biologie im 45 Minuten-Takt. Wissenssammlung im Akkord. Nachhilfe-Unterricht verdrängt die liebsten Hobbys und bringt neben dem Lernfrust noch Tränen.
Antje Rohrbach kennt diese Situation von ihren drei Töchtern (10, 12 und 15) und suchte den Kontakt zu den Lehrern. Doch es war kaum möglich, auf einen Nenner zu kommen. Von anderen Eltern erfuhr sie, dass die Gespräche ähnlich verliefen. Dabei wollten sie nur zurück spiegeln, was daheim passiert, und herausfinden, was in der Schule los ist, um helfen zu können.
Die Kommunikationstrainerin schaute nach den möglichen Ursachen. Deutlich wurde, dass Eltern eher auf der Beziehungsebene kommunizieren, was bei den Lehrern häufig als persönlicher Angriff ankam. Am Ende stand ein Leitfaden: auf Augenhöhe und wertschätzend, dabei Wahrnehmungen beschreiben und Motive klar und deutlich benennen.
„Mir geht es um das Wohl meiner Kinder. Ich freue mich, wenn sie gerne in der Schule sind und Spaß am Lernen haben. Tausche ich mich laufend mit den Lehrern über die kleinen wahrgenommen Mosaiksteine aus, können wir gemeinsam den Lebensraum Schule gestalten. Wir kommen weg von den Erste-Hilfe-Maßnahmen,“ so Antje Rohrbach.
An der Leibnizschule in der List erlebt sie wertvolles: Lehrer und Schulleitung öffneten sich und waren teilweise verwundert über die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung und das Interesse an ihrer Person.
Dieses Geschenk gibt sie anderen Eltern weiter in Workshops, Trainings und Coachings. Die gestärkten „PowerEltern“ gestalten mit gelingender Kommunikation das Schulleben: direkt spürbar für ihre Kinder.
„Inzwischen ist es so, dass unsere Töchter einige ihrer Lehrer direkt bei Fragen anrufen können. Da sitze ich nicht mehr zwischen.“
Christian Peiser nutzt seine Gestaltungsmöglichkeiten als Lehrer. Er unterrichtet Englisch, Werte und Normen, Religion und Musik an der IGS Kronsberg - mit Überzeugung: „Menschen stärken. Schule öffnen. Begegnungen gestalten.“ Die Leitmotive der Schule lernte er bereits während seine Ausbildung in Dänemark schätzen und will sie weiter leben. An der integrierten Gesamtschule mit Ganztagsbetrieb findet er den passenden Rahmen.
Schule als Lebensraum: morgens Unterricht und nachmittags gemeinsame Freizeit. Es gibt fächer- und jahrgangsübergreifende Projektwochen mit Themenschwerpunkt. Alternative Lernmethoden wie „Wochenplan“ und „Freies Lernen“ finden ihren Platz, dazu Arbeitsgruppen mit Elternunterstützung.
Die Eltern sind fester Bestandteil des Schullebens, nicht nur in den Gremien. Seine Idee in der Bewerbung überzeugte die Schulleitung: Als Klassenlehrer besuchte er die Eltern seiner neuen fünften Klassen während des ersten Jahres.
„Das kam gut an. Der Kontakt ist immer noch da. Die Gespräche sind ganz anders, als mit den Eltern der anderen Jahrgänge. Da lassen sich kritische Situationen einfacher lösen - auch direkt mit den Schülern.“
Klaus* stand einer neuen Mitschülerin hilfreich zur Seite und brachte sie in Kontakt mit den anderen. Doch plötzlich nicht mehr. Statt dessen beteiligte er sich an Mobbing-Handlungen gegen sie. Konferenz drohte.
Nach einer Unterrichtsstunde war es günstig und Christian Peiser sprach seinen Schüler an. Klaus war überrascht, erklärte dann gerne die Lage. Mit diesen Informationen konnte Christian Peiser seinem Schüler einen Tipp zur Lösung geben.
„Wir Lehrer sprechen laufend miteinander. Als Lehrer einer Klasse haben wir die Schüler und ihre Entwicklung im Blick. Mit unserem Austausch ergibt sich das Gesamtbild und wir können zielgerichtet zur Seite stehen.“
In Fachteams wird das Wissen gebündelt sowie Unterrichtsinhalte und -Methodiken überprüft. Voneinander miteinander lernen - auch bei den Lehrern.
Die zwei Beispiele zeigen: Gelingt die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern und Lehrern untereinander, so profitieren die Schüler. Konflikte und Spannungsfelder werden abgebaut und sogar verhindert. Es sind kleine Schritte hin zu einem Lebensraum Schule, wie ihn unsere europäischen Nachbarn im Norden erfolgreich praktizieren.
Von Nico Kleinfeldt
* Namen geändert |