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Drogensucht: Von der Suche nach dem Leben

Als Alex ein kleiner Junge war, begann der langsame Absturz. Falsche Freunde und die wechselnden Männer der Mutter, gepaart mit der Suche nach Liebe und Aufmerksamkeit, trieben ihn in die Drogen- und Alkoholsucht.

Aufgewachsen ist er teilweise in Ostdeutschland, seine Mutter arbeitete als Näherin, sein Vater als Fabrikarbeiter. Die Beziehung der Eltern ging kurz nach Alex Geburt in die Brüche. Schon mit elf Jahren kam er das erste Mal besoffen nach Hause und kassierte dafür Prügel, danach folgten der erste Joint und die ersten Pillen. Den ersten Schuss setzte er sich mit 15 Jahren. Seinen Hauptschulabschluss brach Alex ab und flüchtete sich weiter in seinen Sumpf aus Drogen und Alkohol.

Heute ist Alex 32 Jahre alt und lebt in Hannover-Linden. Man trifft ihn nachmittags meist im Bauwagen an. Der Bauwagen und das Café Connection in der Nähe vom Hauptbahnhof Hannover sind zentrale Treffpunkte für die Drogenszene. Hier sucht Alex Anschluss unter Gleichgesinnten, und hier versucht er einen Weg raus aus der Sucht und seinen Selbstzweifeln zu finden. Er nimmt an verschiedenen Sitzungen und Beratungsgesprächen mit Sozialarbeitern teil. Ab und zu trinkt er auch einfach nur einen Café und wärmt sich auf.

Der 1,80 Meter große und etwas schlaksige Alex ist sehr in sich gekehrt. Seine blauen Jeans sind ausgefranst und mit Löchern übersäht, seine weißen Schuhe haben grau-schwarze Flecken. In dem übergroßen blauen Kapuzenpullover wirkt er verloren. Das ausgewaschene, schwarze Cap hat er tief ins Gesicht gezogen. Zwei Therapien hat Alex schon hinter sich. Die erste brach er ab, die zweite schaffte er nach einen halben Jahr. Trotzdem folgen seit dem immer wieder schwere Rückfälle, Psychosen und Angstzustände. Er verbrachte sechs Monate in der Psychiatrie, die sogenannte "Zwangsjacke" ist ihm nicht unbekannt.

Wenn Alex über diese Zeit spricht, steigen ihm Tränen in die mandelbraunen Augen. Nervös formt er ein Stück Kaugummipapier zu einer Röhre und faltet es dann wieder auseinander. Seine Blicke weichen aus. Mit 22 Jahren dann ein weiterer Tiefpunkt in seinem Leben: Nach Auto- und Supermarkteinbrüchen, Drogenhandel und schweren Körperverletzungen, folgte ein achtmonatiger Gefängnisaufenthalt.

Traumatische Erinnerungen

„Mein Vater, den ich nie kennen gelernt habe, fehlte, also ließ ich meinen Frust, der sich so über die Jahre angestaut hat an Anderen aus'', so Alex. „Wirklichen Halt hatte ich in der Familie nicht, mein älterer Bruder dealte auch mit Drogen und war ständig drauf und meine zehn Jahre jüngere Schwester war einfach zu klein um zu verstehen, wie im Arsch unsere Familie ist.“ Er versuchte sich nach dem Gefängnis aufzurappeln, doch die Kraft fehlte. Die traumatischen Erinnerungen an seine Kindheit kann er nicht vergessen. Gewalt spielte eine große Rolle: Die Mutter wurde von ihren wechselnden Männern verprügelt und auch er musste Schläge einstecken. Das wohl schlimmste Erlebnis war, als sein zehn Jahre älterer Bruder versuchte ihn im Drogenrausch zu vergewaltigen. Seine kleine Schwester blieb von der Gewalt verschont. Sie studiert mittlerweile Mathematik im zweiten Semester. „Meine Schwester fehlt mir sehr oft. Es tut mir Leid, dass ich nicht der große Bruder sein kann, der auf sie aufpasst und sie beschützt. Es ist eher umgekehrt, und sie hilft mir mit Geld oder gibt mir was zu essen.", sagt Alex.

Für Michael sind diese Erlebnisse nicht fremd. Der 49-Jährige arbeitet ehrenamtlich im Bauwagen. Er war früher selbst abhängig und ist seit drei Jahren clean. Für ihn sind Gespräche und eine warme Mahlzeit sehr wichtig. Am Ende des Monats gibt es immer eine große Suppenausgabe. Außerdem können die Betroffenen täglich von 16 bis 19 Uhr in den Bauwagen kommen, um sich aufzuwärmen, einen Kaffee zu trinken oder ein Stück Kuchen zu essen. Er selbst war über 22 Jahre Kokain- und Alkoholabhängig. Dazu kam die Spielsucht. „Die Liebe meines Lebens, mit der ich 15 Jahre zusammen war, ist in meinem Badezimmer an einer Alkoholvergiftung gestorben, während ich mit den Hells Angels am Steintor unterwegs war“, erzählt er. Sein Kopf sinkt kurz nach unten. „Hier habe ich gelernt, das alles zu verarbeiten, auch in meiner neunmonatigen Drogentherapie.“

Bei seinen Erzählungen wirkt der etwas kräftig gebaute Mann sehr offen und gelöst. „Ich habe meinen Weg gefunden. Denn ich lebe nach Jesus und er gibt mir Kraft und führt mich nicht in Versuchung das Teufelszeug noch mal anzufassen“, sagt er. Seitdem er clean ist, engagiert er sich für Menschen, die noch nicht den Weg aus der Sucht gefunden haben. Michael darf jedoch nicht in das Café Connection, denn dort ist die Versuchung zu groß. Kontrolliert wird das von Mitarbeitern der „Neuen Land e. V“ – Einrichtung, zu der auch das Café Connection und der Bauwagen gehört. Das „Neue Land e. V.“ ist eine christliche Drogenhilfsorganisation des Diakonischen Werks Hannover.

Spritze, Kaffee und Kuchen

Alex verlässt indes den den Bauwagen und macht sich auf dem Weg zum Café Connection. „Wir bekommen neue Spritzen. Wir können unsere Alten abgeben und bekommen im Gegenzug eine Neue. Oder wir kaufen zum Beispiel eine neue Spritze für 30 Cent. Kaffee und Kuchen gibt es da auch. Spritzen tu ich schon lang nicht mehr. Ich bin seit sechs Monaten im Methadon Programm“, sagt er und erklärt: „Oft habe ich Zuckungen und krasse Muskelschmerzen, das wird durch die Tabletten gelindert.“ Ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht. 

Das Café Connection liegt ungefähr 150 Meter vom Bauwagen entfernt. Es ist ein großer weißer Blechcontainer. Vor dem Container sitzt ein Mann und bindet sich gerade den Arm mit einem schwarzen Gurt ab. Anschließend sticht er sich die Nadel an die Vene am oberen Unterarm und setzt sich den Schuss. Alex geht in das "Connection", wie es in der Szene heißt. Er setzt sich an einen schwarzen, runden Tisch mit vier Stühlen. Nun wartet er auf seine Freundin. Hinter einer großen weiße Theke stehen Sozialarbeiter und schenken Kaffee und Kuchen aus oder verteilen Spritzen, Löffel oder kleine Schalen zum Mischen der Drogen. Gewalt, Dealen sowie Drogenkonsum sind im Café verboten. Wenn jemand gegen die Hausordnung verstößt und doch etwas raucht, dealt oder gewalttätig ist, wird das "Connection" für alle geschlossen. 

Auf einem guten Weg

„Meine Freundin ist das Wichtigste für mich, sie ist mein einziger richtiger Halt. Meine Mutter hat zu viel mit sich selbst zu tun, um sich um mich zu kümmern, und meine kleine Schwester sehe ich nur selten", sagt Alex. "Ja, Geld gibt mir meine Mutter ab und zu, aber dass ihr Sohn so lange abhängig ist und mein Weg nicht ganz in die richtige Richtung gelaufen ist, das ist ein harter Schlag für sie. Sie merkt nicht, dass ich gerade auf einem guten Weg bin.“, fügt er hinzu. Seit drei Jahren ist Alex mit Julia zusammen. Mit ihr lebt er in einer kleinen Wohnung in Hannover. Wenn sie etwas zu Essen haben wollen, dann müssen sie es sich zusammen schnorren oder sich von Freunden Geld leihen - 250 Euro Hartz IV reichen nicht aus. Die 25-Jährige ist selbst auch seit über zehn Jahren heroinabhängig. Hinter ihr liegt eine schwere Kindheit mit wechselnden Heimaufenthalten. „Sie versteht mich, weil sie vieles genau wie ich durchgemacht hat.", so Alex. Julia ist 1,65 Meter groß. Sie trägt einen pinken Jogginganzug und weiße, etwas schmutzige Turnschuhe. Zwei Penny-Tüten schleppt sie in das Cafe Connection. Die Tüten sind mit Toastbrot, Wurst, Käse, Schokodrinks, Wasser und vielem mehr gefüllt. Sie setzt sich zu Alex an den Tisch, beide begrüßen sich mit einem Kuss.

„Ich spritze seit einem halben Jahr nicht mehr, genau wie Alex. Das Methadon Programm bringt wirklich was.“, sagt Julia. Im Februar 2012 wollen sie zusammen einen einjährigen Drogenenzug beginnen.
 

Von Naina Singh, aus dem Seminar "Vertiefung Print/ Online" des 3. Semesters

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