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Der letzte Umzug


In den eigenen vier Wänden alt werden – das Ehepaar Timon* aus Hannover möchte sich diesen Wunsch erfüllen. Der Umzug in den Alterssitz bedeutet aber auch den Abschied vom vertrauten Zuhause.

 

„Ich werde Hannover vermissen. Das hier ist eine der schönsten Straßen in der Nordstadt, die Glünderstraße. Ruck zuck ist man im Georgengarten und in der Innenstadt.“ Wolfgang Timon steht umgeben von Kisten in seinem Wohnzimmer. Auf dem alten, grauen Teppichboden erinnern nur noch Abdruckspuren an die Möbel. Im Nebenraum lärmen die Umzugshelfer. „In dieser Wohnung habe ich 26 Jahre gewohnt, da kann man fast sagen, eine Ära geht zu Ende“, lächelt er und starrt aus dem Dachfenster des Altbaus.

Es ist neun Uhr morgens, draußen regnet es in Strömen. Perfektes Umzugswetter eben. „Der beste Freund meines Mannes ist Anfang letzten Jahres in sein Elternhaus nach Lübeck zurückgekehrt“, erklärt Karen, seine Frau. „Nebenan wohnte eine ältere Dame. Die hat uns mal zum Tee eingeladen, als wir in Lübeck zu Besuch waren. Wir haben uns sofort in ihr kleines Einfamilienhaus verliebt. Und dann sagte sie, wenn ich nicht mehr kann, dann ziehe ich zu meiner Tochter. Und ihr bekommt das Haus zu einem guten Preis.“

Späte Liebe findet ein Zuhause


Das Versprechen sollte schneller eingelöst werden als gedacht. Im Sommer 2009 kriegte das Ehepaar Timon einen Anruf. Die nette, alte Dame aus Lübeck hatte einen Hirnschlag erlitten. Fünf Tage Zeit, um einen Entschluss zu fassen. Danach stünde das Haus zum offenen Verkauf. Schluck. „Das war ein Schock“, meint Karen. Eine Entscheidung musste her. Also setzten sich die beiden Mittfünfziger am selben Abend zusammen. Und stellten fest, dass sie eigentlich nichts hindert. Die Kinder sind aus dem Haus, ihre wie seine. Seit fast fünf Jahren leben sie zusammen, haben geheiratet. „Diese letzte, späte Liebe blüht und findet nun ein Zuhause“, lacht Karen und nimmt ihre Lesebrille ab. „Wir haben dann mit Banken und Versicherungen telefoniert, um das nötige Geld freizueisen“, erinnert sie sich. „Das war gar nicht so einfach, hat aber letztendlich rechtzeitig geklappt“.

Genug des Campings

Fast ein Jahr hat das Ehepaar mit ein wenig professioneller Hilfe renoviert. Jetzt ist das Haus in Lübeck frisch und fertig. Wartet auf die Möbel, die morgen ausgeladen werden. „Da freue mich auch drüber“, meint Karen. „Wir sind der Baustellen jetzt einfach überdrüssig. Die letzten Tage mussten wir auf dem Boden schlafen, weil das Bettgestell schon auseinander gebaut war. Die Nachbarin hat mir noch gestern einen halben Liter Milch geschenkt, weil ich keinen Kühlschrank mehr hatte. Ich bin das Camping leid“, fügt sie hinzu.

Wolfgang hat mehr Mühe sich von seiner geliebten Dachgeschosswohnung zu trennen. „Der guckte anfangs nur am Wochenende ein paar Sachen durch. Ich hörte immer nur, dass wir dieses und jenes ja noch mitnehmen könnten. Wir hätten ja Platz im Keller“, erzählt Karen. Als sie das erste Bild abhängte, sagte ihr Mann das ginge nicht so einfach. Das habe doch schon immer da gehangen. Erst als er nachts nicht mehr den Weg fand, ohne sich ständig die Zehen an herumstehenden Kisten zu stoßen, fing auch er an zu packen. „Mein Mann ist von uns beiden halt der Träumer, ich bin eher der Praktiker“, findet Karen.

Schwere Erinnerungen

Rrrrrr – der Möbellift der Umzugsfirma fährt auf Hochtouren und röhrt wie ein frisierter Rasenmäher. Wolfgang wuchtet unter den skeptischen Blicken der Möbelpacker seine Bücherkisten auf das Podest des Aufzuges. Die Wohnung leert sich schnell. „Dass die Zimmer immer leerer werden, ist für mich überhaupt nicht negativ“, meint Karen. „Ich denke mir aber, dass mein Mann so stark mit anpackt, damit er nicht drüber nachdenken muss. Wenn er da nur rumstünde, würde es ihm nicht gut gehen. Sein jüngster Sohn ist hier geboren. Er verbindet mit der Wohnung ganz andere Erinnerungen.“

Früher hätten die beiden den Umzug sicher ganz allein gestemmt. „Aber mittlerweile sind wir zu alt zum Schleppen“, sagt Karen und wischt über den Spiegel ihres alten Eichenschrankes. Groß und dunkel steht der ein wenig verloren im halbleeren Raum. „Den habe ich aus meiner ersten Ehe mit in die Beziehung gebracht“, erzählt sie. Im vorigen Jahrhundert habe der Schrank mal einer Bergarbeiterfamilie aus Duisburg gehört. „Als meine Kinder klein waren, haben sie da drin verstecken gespielt“, fügt sie leise hinzu. „In der mittleren Schublade hat mein ältester Sohn die ersten zwei Wochen seines Lebens gelegen, weil wir kein Kinderbett hatten. Das hatte ich gerade verliehen. Dann kam mein Baby ein paar Wochen zu früh, und da war das Kinderbett noch nicht zurückgegeben. Da hat er auf einem großen Kissen in der Schublade geschlafen. So einem Säugling macht das ja nichts aus.“

Und nun ist Schluss, morgen kommt der Schrank auf den Sperrmüll. Keiner wollte ihn haben, auch nicht ihre drei Kinder, die nun erwachsen sind. „Die studieren weit entfernt und brauchen mobile Möbel. Der schwere Schrank wurde eben nicht fürs Umziehen gemacht“, meint Karen.

Tief verwurzelt

„Früher sind die Leute oft in dem Ort gestorben, in dem sie aufgewachsen sind. Vielleicht war das auch gar nicht so ungesund. Ich glaube, dass viele Menschen heute darunter leiden, wenn man so häufig umzieht.“ Karen spricht aus Erfahrung. Die Sozialpädagogin hat weit verzweigte Wurzeln. Ihre Familie stammt aus der Schweiz und wanderte erst in die USA, später dann nach Frankreich und Skandinavien aus. Die vielen Umzüge haben Karen geprägt, Veränderungen fallen ihr nicht schwer.

Ihr Mann ist da anders. Er ist Journalist und muss regelmäßig zum Verlagssitz in das Ruhrgebiet pendeln. Trotzdem wohnt er schon fast 40 Jahre in Hannover. „Im Georgengarten gibt es einen wunderschönen Baum“, erzählt Wolfgang. Eine alte Eiche, die beim Leibniztempel frei auf einer großen Wiese steht. Da könne man sich untendrunter auf die moosbedeckten Wurzeln setzen. Gestern habe er zwei Stunden unter dem Dach des alten Baumes gesessen und über die Höhen und Tiefen nachgedacht, die er in Hannover erlebt hat. Die letzten Tage sei er mit ein wenig Wehmut viel mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, um sich von seinen Lieblingsorten zu verabschieden.

Rotwein für den kleinen Wolf

Verabschieden muss er sich auch von Patricio, seinem gutem Freund in Hannover. Der 60-Jährige wollte es sich nicht nehmen lassen, den beiden beim Umzug zu helfen. „Lobito sagt er immer zu mir“, meint Wolfgang. „Lobo ist spanisch für der Wolf und er ist der kleine Wolf“, ruft Patricio lachend zu ihm herüber. Am Abend soll es eine kleine Abschiedsparty geben, im „Kaiser“, Wolfgangs Lieblingskneipe. Patricio wird natürlich auch da sein. Bis dahin müssen aber noch einige Kartons und Möbel in den Umzugswagen getragen werden. Der riesige LKW vor der Haustür hat die schmale Wohnstraße komplett zugeparkt. Viel zu viele Umzugskartons haben Sie gekauft. „Ich habe die Wette verloren“, sagt Karen. „Mein Mann meinte, es wären zu viel, ich wollte das nicht glauben. Jetzt bekommt er zwei Kisten Rotwein von mir. Für jede Packung zu viel eine“, lacht sie. Statt Wein gibt es aber jetzt erst einmal Kaffee. Die Möbelpacker brauchen eine Pause. Und Wolfgang sowieso. Er scheut zum LKW und meint: „Ich kann das gar nicht mit ansehen“.

Mit den Füßen zuerst

Zehn Minuten später setzt sich der Möbelaufzug wieder lautstark in Bewegung und die letzten Kisten verschwinden im Laderaum. Wolfgang fegt den Keller, Karen verteilt zur Feier des Tages selbstgebackenen Kuchen. Knipst dann noch schnell ein paar Erinnerungsfotos von dem bis zur Decke gefüllten Wagen. Die Wohnung ist leer. Hinter dem LKW hupt schon der erste Nachbar, der mit dem Auto aus seiner Einfahrt will. Eile ist geboten. Mit einem lauten Knall wird die Ladeklappe geschlossen. Der letzte Umzug der beiden ist fast geschafft. „Beim nächsten Mal geh´ ich mit den Füßen zuerst raus“, grinst Karen und sieht dem Transporter nach, der gerade um die Ecke biegt.

Von Anna Moldenhauer
*Name von der Redaktion geändert

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