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Menschen mit Autismus handeln nach eigenen Gesetzen. Gesellschaftliche Regeln müssen von ihnen erst mühselig erlernt werden. Das mangelnde Einfühlungsvermögen könnte laut einer aktuellen Theorie des Forschungsverbundes JARA mit einer Störung der Nervenzellen im Gehirn zusammenhängen.
Thore merkte früh, dass etwas nicht stimmt. Während die anderen im Kindergarten lachten und tobten, ertrug er kaum die Lautstärke. Er versteckte sich, konnte mit den Kindern in seinem Alter nichts anfangen. Im Gegenzug wurde er geärgert und gehänselt. Unter die Ratschläge der Außenstehenden mischten sich schnell Vorwürfe. Die Berufstätigkeit der alleinerziehenden Mutter sei für das asoziale Verhalten ihres Kindes verantwortlich. Die tatsächliche Ursache der Entwicklungsstörung ist genetisch bedingt. Thore hat das Asperger Syndrom, eine Form des Autismus.
Laut Thores Mutter muss vor allem die Aufklärung und Information über Autismus für Erzieher und Lehrer dringend forciert werden, weitere Infos: Hier klicken.
Tipp: "Ich sehe was, was Du nicht siehst" - Teil 2, Kunstbegegnung autistischer und nichtautistischer Künstler zum Thema Obsession, Kunsthalle Faust
Diagnose: Schwierig
Eine aktuelle Theorie des Forschungsverbund JARA zwischen der RWTH Aachen und dem Forschungszentrum Jülich besagt, dass beim Asperger Syndrom die Nervenzellen im Gehirn, die für das Einfühlungsvermögen zuständig sind, eine Störung aufweisen. Die Folge ist, dass Thore nach rationalen Erklärungen sucht, um das Verhalten seiner Mitmenschen zu erklären. Was andere intuitiv beherrschen, muss er mühsam lernen. Entscheidend für eine Therapie ist die frühe Diagnose der Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Problem: ASS sind bei jedem Kind anders ausgeprägt. Den „typischen Autisten“ gibt es nicht. Laut der Psychologin Dr. Vera Bernard-Opitz verändern sich zudem die Symptome im Laufe der Entwicklung. Thore bekam die erlösende Diagnose erst im Alter von zwölf Jahren. Zuvor hatten Mediziner und Pädagogen ihn viele Male falsch beurteilt, teilweise schwere Medikamente verschrieben. Oder seiner Mutter erklärt, ihr Sohn sei schlicht ein Fall für die Sonderschule. „Die meisten Leute wissen zu wenig über Autismus“, findet Anke W., Thores Mutter. Auch Filme wie „Rain Man“ würden falsche Eindrücke vermitteln. Nicht alle Autisten hätten Sprachschwierigkeiten oder außergewöhnliche Begabungen.
Verfälschtes Bild
Wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland mit ASS leben, ist laut Prof. Dr. Matthias Dose vom Beirat des Bundesverbandes Autismus, nicht bekannt. Die oft unzureichenden Diagnosen würden das Bild verfälschen. Andreas Luther vom Autismus Hannover e.V. vermutet zudem eine hohe Dunkelziffer bei Kindern, die noch nicht diagnostiziert wurden. Seiner Schätzung nach, liegt die Häufigkeit bei 10 zu 1.000 Menschen. Die schwere Erkennbarkeit der seelischen Behinderung belastet die Situation der Betroffenen zusätzlich. Thore wirkt wie ein normaler, etwas schüchterner 16-jähriger. Er interessiert sich für Computerspiele, liest viel, ist eloquent. Man kann kaum unterscheiden, welche Handlungen er aus Lustlosigkeit verweigert und was ihm der Autismus unmöglich macht.
So fällt erst nach einer Weile fällt auf, dass er den Blickkontakt vermeidet oder die Mimik seines Gegenübers nicht deuten kann. Er hat kein Gefühl für Diplomatie, Ironie und Witze versteht er nicht. „Das ist für mich Blödsinn“, sagt Thore. Systematisches Arbeiten ist eher seine Sache. Von klein auf studierte er TV-Programme und Busfahrpläne, verfügt über ein fotografisches Gedächtnis. „Pläne haben eine Ordnung, sind berechenbar“, erklärt er. Die Logik gibt ihm Sicherheit. Sein Profil ist bezeichnend für das Asperger-Syndrom. Während der frühkindliche Autismus in acht von zehn Fällen durch eine schwache Auffassungsgabe geprägt ist, haben Menschen wie Thore meist eine überdurchschnittliche Intelligenz.
Kampf für ein normales Leben
Soziale Situationen und Veränderungen von Strukturen machen ihm hingegen oft Schwierigkeiten. In Hannover lernt er im Therapiezentrum für autistische Kinder (THZ) besser damit umzugehen. In den Einrichtungen des Autismus e.V., zu denen auch das THZ gehört, werden zur Zeit ca. 110 Kinder betreut. Noch vor einigen Jahren hatten die Betroffenen keine Chance auf ein normales Leben. Diese Situation hat sich stark verbessert. Dennoch musste Thores Mutter ein Jahr kämpfen, um beim Jugendamt den Therapieplatz und eine Schulbegleitung durchzusetzen. „Viele vermuten, man wolle nur sein Kind besser durch die Schule bringen“, ärgert sie sich.
Auf Unverständnis traf Thores seelische Behinderung auch in der eigenen Familie. „Man darf sein Verhalten nicht mit dem anderer Kinder vergleichen“, meint Anke W.. Für die 45-jährige ist die Situation ihres Sohnes eine große Belastung. „Er hat viele positive Eigenschaften und es könnte schlimmer sein“, sagt sie nachdenklich. Dennoch werde sie ihn wohl ihr ganzes Leben schützen müssen. „Ihm fehlt der Bezug zur Realität und ich frage mich oft, was wird“, fügt sie hinzu. Thore selbst hat von seiner Zukunft genaue Vorstellungen. Er möchte wissenschaftlicher Bibliothekar werden, viel reisen und irgendwann in Norwegen leben. Eine Freundin wäre auch schön. „Am besten eine, die Autismus hat“, meint er.
Von Anna Moldenhauer |