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Das Leben im Nichts: Depression

Wenn die Angst der Krankheit weicht - Torsten Heldt* ist einer der vier Millionen depressiven Menschen in Deutschland. print hat ihn begleitet, um die Volkskrankheit besser zu verstehen.

Am Tag als Robert Enke starb, wartete Torsten Heldt* auf seinen Zug. Eine blecherne Stimme teilte den Wartenden mit, dass die Bahn Verspätung habe. Es läge eine Person im Gleis. Erst später erfuhr Torsten, dass Robert Enke Selbstmord begangen hatte. Er selbst hat auch schon oft an Suizid gedacht. Daran, einfach nicht mehr da zu sein und dieser Gefühllosigkeit zu entfliehen. Fast vier Millionen Menschen in Deutschland geht es so. Mehr als zehn Prozent der schwer Erkrankten begehen Selbstmord. Sie leiden unter Depressionen.

Jeden Tag Angst


Torsten stapft durch den Schnee. Er hat den Kragen seiner grauen Funktionsjacke hochgeklappt und seine Hände in die Taschen gesteckt. Es ist kalt. Sein Ziel ist der hell beleuchtete Supermarkt am Ende der Straße. Einkaufen war für den 34-Jährigen nicht immer selbstverständlich. Alltägliche Dinge schienen lange Zeit unmöglich. „Ich hatte ständig Angst. Das hat schon in meiner Kindheit angefangen. Irgendwann wurde es schlimmer. Ich konnte nicht mal eine Tasse am Henkel anfassen ohne stark zu zittern.“ Torsten zog sich immer mehr zurück. Er verlor den Spaß am Leben und empfand keine Freude mehr. Die Angst verwandelte sich in eine Depression.

Volkskrankheit Depression


Torsten ist kein Einzelfall. Depression ist eine Volkskrankheit und kann rund 20 Prozent der Bevölkerung in Industriestaaten treffen. In Deutschland sind nur etwa 400.000 Fälle diagnostiziert und werden behandelt. Davon werden die meisten nicht richtig therapiert. „Es ist wichtig, an sich zu arbeiten und Eigeninitiative zu zeigen“, meint Torsten. Wenn Betroffene einen Arzt aufsuchen, ist immer noch nicht gewährleistet, dass die Krankheit überhaupt erkannt wird. Viele Symptome können zunächst körperlich sein. Im November 2006 wies sich Torsten zum ersten Mal in eine Tagesklinik ein. Nachdem er sich jeglichem gesellschaftlichen Leben entzogen hatte und seine Ehe scheiterte, befand er sich auf dem Tiefpunkt. Auf die Ansage einer Therapeutin, dass es eine Wartezeit von 6 Monaten gäbe, entgegnete er: „Dann bin ich nicht mehr am Leben.“

"Man fühlt nichts. Keine Freude, keine Traurigkeit."


Prof. Dr. Petra Garlipp ist Vorsitzende des Bündnisses gegen Depressionen in Hannover. Sie erklärt, dass es verschiedene Ausprägungen der Erkrankung gibt. Von leichter, bis hin zu schwerer und von vorübergehender bis hin zu lebenslanger Depression. „Es gibt klar definierte Kriterien, an Hand derer man einen Menschen als depressiv einstufen kann.“ Dazu gehören unter anderem eine verminderte Konzentration, niedergedrückte Stimmung, bis hin zur Gefühllosigkeit, Schuldgefühle, Appetitlosigkeit und weitere prägnante Symptome. „Man fühlt nichts. Keine Freude, keine Traurigkeit. Einfach nichts. Es ist so, dass man einfach nur ausharrt“, erklärt Torsten.

Depressive Menschen ziehen sich zurück. Ihnen fehlt der Antrieb Dinge zu tun, die eigentlich Spaß gemacht haben. Sie empfinden keine Freude mehr. Sie leiden an Schlafstörungen und verlieren sich in negativen Erinnerungen. Selbstmordgedanken machen sich breit. Vor allem Männer versuchen sich durch Alkohol zu betäuben. Meist endet das in einer Sucht. „Dass das kein menschliches Versagen ist, sondern eine Krankheit, können in unserer Gesellschaft nur wenige nachvollziehen“, kritisiert Prof. Garlipp. Depressionen werden von vielen als Schwäche empfunden.

Traumatische Erlebnisse

Torsten hatte besonders Angst davor, seinen Job zu verlieren. Ein längeres Gespräch mit seinem Chef brachte die Erlösung und Verständnis. Trotzdem war Torsten froh, dass er während seines Klinikaufenthaltes immer morgens um acht aus dem Haus musste und dann um 16 Uhr wieder nach Hause kam. „Es war angenehmer, dass die Nachbarn immer noch dachten, ich arbeite.“ Besonders schwer fiel ihm, seiner Mutter von der Depression zu erzählen. „Sie hat geweint. Und war stolz, dass ich so viel Mut habe und mich meiner Krankheit stelle.“ Bereits Torstens Vater war depressiv. „Er hat es leider nicht geschafft“, meint Torsten dazu. Sein Vater beging Selbstmord, als Torsten noch ein Kind war. Menschen, in deren Familie Fälle von Depression auftreten, sind einem höheren Risiko ausgesetzt auch daran zu erkranken. Prof. Garlipp betont, dass noch verschiedene Faktoren hinzukommen müssen, damit die Krankheit wirklich ausbricht. „Meist sind es traumatische Erlebnisse.“

Die Krankheit in den Griff bekommen

In Torstens Kindheit lief nicht alles glatt. Genauer darüber reden möchte er nicht. Auch wenn er vielleicht nie wieder ganz gesund wird, geht es ihm darum, seine Krankheit in den Griff zu bekommen. Mittlerweile ist er Leiter einer zehnköpfigen Selbsthilfegruppe. „Du musst dich einfach immer zwingen: Geh raus, raus, raus, mach was, beweg dich, sammle dein letztes Selbstvertrauen und geh nicht unter.“

von Jenifer Becker
*Name von der Redaktion geändert

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