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Tattookunst: Unter Tränen

Wer schön sein will, muss leiden. Wenn es um Tattookunst geht, zumindest ein bisschen. Eine hautnahe Reportage über eine Schönheitssitzung in Nienburg/Weser.

Barrys Tattoo Twister“ steht auf den Scheiben. An der Tür hängt ein rotes Schild mit weißer Schrift: „Open!“ Die Tür schwingt langsam auf und gibt den Blick frei auf ein schwarzes, großes Ledersofa. Noch ein Stück weiter rechts ist der Tresen, mit unzähligen schwarzen und weißen Mappen obenauf. Es könnte auch ein Wartezimmer beim Arzt sein. Aber die Wände hängen voller Bilder von tätowierten Körperteilen. Hinter dem Verkaufstisch steht Helge: 1,80 groß, Glatze, sehr muskulös und von Kopf bis Fuß tätowiert. Definitiv kein Arzt. Flogging Molly übertönt seine rege Unterhaltung mit Kollege Björn.

Jung und willig

Palim, palim. Durch die Tür kommt Daniela, die erste Kundin für heute. Sie tritt hinter den Tresen und zieht sich bis auf die Unterwäsche aus. Dabei erklärt sie Helge, was genau sie sich für heute vorstellt. Ein Paravent wird aufgestellt: “Neugierige Blicke kann hier keiner gebrauchen.“ Auf Danielas Bauch schillert eine Blume in rot, grün und schwarz. Über ihrem Po thront eine handflächengroße schwarze Verzierung. Am Oberarm trägt sie eine kleinere Zeichnung. „Insgesamt habe ich sechs Tattoos,“ erzählt sie.

Sie schnappt sich Zettel und Stift und fängt an zu malen. Erst einen Frauenkörper von vorne und hinten und in der Seitenansicht, dann die Blume unter der Brust, das Tribal über dem Hintern und zum Schluss das für heute geplante Verbindungsmuster. Das Muster läuft in der Zeichnung weiter nach unten über den Po. Der Chef ist begeistert von der Kundin: „Daniela weiß genau, was sie will, hat ein Bild im Kopf. Es gibt Kunden, die wissen gar nicht, was sie wollen.“

Björn öffnet einen silberglänzenden, quadratischen Apparat, um verschiedenste Utensilien herauszuholen: Tätowiermaschine und Zangen, die an Folterinstrumente erinnern. Die Luft füllt sich mit einem stechenden, scharfen Geruch. Daniela und der schon arbeitende Tätowierer zeigen aber keine Reaktion.

Vorgezeichnet

Mit einem Scharren saust der Drehstuhl von links nach rechts, von vorne nach hinten - immer um den Rücken der jungen Frau herum. Ab und zu schaut Helge in eine Zeitschrift mit Tattoos, die auf einer Liege liegt. Kringel, Linien, Schwünge - der Meister zeichnet sein Kunstwerk vor. Das Schwierige dabei: Die Tätowierung unter der Brust ist weniger eckig, als die über dem Po. Er muss beide Stile verbinden. Das Bild in der Zeitschrift dient nur als Inspiration. "Guck mal, wie es dir gefällt", fordert er sie auf.

Daniela läuft zum riesigen Wandspiegel und dreht sich um. "Hm, hier noch mehr Schwung, geht das?" Sie zeigt auf eine Stelle. Helge sprüht ein wenig Desinfektionsmittel auf die Zeichnung und wischt mit einem Haushaltstuch darüber. Die Farbe verschwindet. Er zeichnet neu. Das ist aber kein Problem. „Besser neu zeichnen, als die immer noch sehr beliebten und standardisierten Sterne oder chinesischen Schriftzeichen, egal wo. Hauptsache eine Tätowierung ist da.“ Nun sind der Chef-Tätowierer und Daniela voll und ganz zufrieden. Eineinhalb Stunden hat es gedauert, bis die Zeichnung perfekt ist.

Die Haut wird dünn

Jetzt liegt Daniela auf einer Liege, die mit blauer Plastikfolie überzogen ist. Helge zieht sich schwarze Einweghandschuhe an. Klick. Eine Lampe wird angeschaltet. Die viel zu große Schreibtischleuchte wirft ihr Licht auf Danielas Brustkorb. Helge reißt eine Plastikverpackung auf und holt die zehn bis 15 Zentimeter lange Tätowiernadel heraus und steckt sie in ein Gerät, das wie eine kleine Pistole aussieht. Mit einem Fußpedal wird die Tätowiermaschine bedient. Drückt man drauf, fängt die Nadel an zu stechen, begleitet von einem leisen Summen. Wie eine Nähmaschine ohne Faden. In ein Töpfchen füllt Helge schwarze Farbe. Danach trägt er mit einem Spachtel Vaseline auf die Zeichnung. „Das Fett macht die Haut weich.“

Wie ein Maler tunkt er die Nadel in die Farbe. Die Pistole brummt. Seine linke Hand strafft die Haut. Die rechte zieht die erste Linie. Daniela schließt kurz die Augen. An den Rippen und der Wirbelsäule sei es ganz schlimm, hat sie vorher gesagt. Wo die Haut dünn wird, tut es mehr weh. Die überschüssige, nicht in die Haut gestochene Farbe wird mit einem Haushaltstuch weggewischt. Es wird neu angesetzt. Die Haut wird rot. Langsam erheben sich feine Linien, wo vorher dicke Striche waren.

Der Schmerz überwiegt


Nach einer Viertelstunde heißt es: Kurze Pause. Daniela bittet um eine Cola für den Kreislauf. Weiter geht’s. Bsssss. Erst werden die Konturen gestochen. Allein das dauert schon eine Stunde. Die beiden machen die nächste Pause. Der Tätowierer schätzt die Stech-Arbeit auf insgesamt drei bis vier Stunden. "Ich schau nie auf die Uhr." Er tauscht die Nadeln aus. Für das Ausfüllen der Konturen nimmt er eine dickere. Daniela träumt schon von der Vollendung. Es geht weiter. Daniela legt sich wieder hin und krallt sich an die Liege. „Jetzt kommt der schmerzhafte Teil“. Dennoch lächelt sie. Helge nimmt sich neue Handschuhe und prüft noch einmal die Maschine. „Bereit?“ “Allzeit bereit“. Beide lachen. Nach einem kurzen Musikwechsel geht es weiter.

Hatebreeds „I will be heard“ dröhnt, laut Daniela passender Weise, aus den Boxen. Das Brummen der Maschine ist nun ein wenig lauter als zuvor. Langsam arbeitet sich Helge von der Brust zum Rücken vor. Nach weiteren eineinhalb Stunden treffen Nadel und Wirbelsäule aufeinander. Daniela schießen Tränen in die Augen. „Ich habe ja gesagt, hier ist es mit am schlimmsten“, stammelt sie. Doch der Tätowierer kennt kein Erbarmen. Umso schneller habe sie es überstanden, heißt es. Insgesamt sind nun viereinhalb Stunden vorbei. Fertig.

Danach ist davor


Daniela löst ihren Griff, richtet sich langsam auf. Schmatz. Knister. Die verschwitzte Liege klebt an ihrem Körper. „Da hatte jemand ziemlich Stress“, scherzt der Künstler. Noch eine Cola für die junge Frau. Nachdem ihr Kreislauf wieder stabil ist, hastet sie zum Spiegel. Das Grinsen wird immer größer. Helge wartet schon mit Frischhaltefolie im „Arbeitszimmer“. Das neue Bild wird fachmännisch abgeklebt. „Das sorgt dafür, dass sie ihre Sachen nicht einsaut. Der eigentliche Grund ist aber die Wundheilung und die Vorbeugung einer Infektion. Ein Tattoo ist ja immer eine offene Wunde“, klärt der unbeteiligte Kollege Björn auf.

Das Team bewegt sich in Richtung Kasse. Daniela zieht sich wieder an und stellt den Paravent zur Seite. Plop, plop, plop. Drei Bier stehen bereit. In Ruhe wird auf das neue Kunstwerk angestoßen. Dann wandern die Geldscheine über den Tresen in die Kasse.

Palim, palim. Der nächste Kunde kommt durch die Tür. Zwei Mädchen folgen. Ein Termin wird vergeben. Ein Zungenpiercing im Hinterzimmer gestochen. Daniela ist wieder fit. „So ab nach Hause und aufs Sofa. Alt werde ich heute nicht“. Die Tür fällt ins Schloss.

Vergeudete Zeit?!

Björn ruft den nächsten Kunden an. „Kannst jetzt kommen. Mit der Frau sind wir durch.“  Hoffnungsvoller Blick. Er lächelt. Keine halbe Stunde später betritt Christian das Studio. Sein Weg führt ihn als erstes zu den Vorlagen-Mappen. „Was stellst du dir denn vor?“ Sie durchstöbern das Internet. Christian kann sich nicht entscheiden. Er wird nach Hause geschickt. „Hier wird nur jemand tätowiert, der einen Hintergrund vorweisen kann. Nur aus optischen Gründen, um cool zu sein oder ähnliches zählt nicht. Christian wäre sehr unglücklich, wenn wir ihm jetzt einfach etwas gestochen hätten. Wenn nicht jetzt, dann in ein bis zwei Jahren.“

Von Gesa Petzold

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