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Don't worry, be furry!

Als kleines Kind träumte ich von Disneyland und kuscheln mit Micky Maus. Doch leider kam ich nie nach Paris und Micky nie zu mir nach Hause. Etwa 20 Jahre später mache ich mich auf zu einer gigantischen Plüschtier-Party.

5_befurry_reportage_07.JPGEin terracotta-farbenes, grau verputztes Bürogebäude in einer Sackgasse. Direkt vor meinen Füßen, fast wäre ich darüber gestolpert. Das Catonium in Hamburg sieht von außen so unspektakulär aus wie eine Scheibe Toast. Kaum zu glauben, dass hier in ein paar Stunden rund 80 Zweibeiner und aufrecht gehende Vierbeiner zum ersten „Nordic Furdance“, einer Fell-Tanzparty für Tierfans, eine heiße Pfote aufs Parkett legen werden. Und kaum zu glauben, dass die Furries, Fellverehrer und andere Tierfreunde, an diesem Abend nicht die einzigen sind, die sich mit Hundehalsbändern schmücken.

Im unteren Bereich des Gebäudes ist die Lack- und Leder-Fraktion zuhause. Das macht mir beinahe mehr Sorgen als das, was ich über die Furries im Internet gelesen habe. Von animalischen Sexpartys in Tierkostümen ist da die Rede. Doch davon will ich mich nun selbst überzeugen. Draußen regt sich nichts. Keine Spur von den Felligen.


Bist du auf der Liste?

Drinnen treffe ich ein paar Jugendliche neben einem schwarzen Stehtisch. „Bist Du auf der Liste?“, fragt der eine mich in einer sehr jungen, hellen Stimme und sucht auf einem Stück Papier. Eine Fell-Kleiderordnung gibt es hier anscheinend nicht. Die drei Jungs an der Kasse sehen jedenfalls aus wie Waldorfschüler mit langen Haaren und bedruckten T-Shirts. Bestimmt noch minderjährig und so ganz ohne Fellwuchs. Eben Backfische, denke ich mir, sage meinen Spitznamen und bekomme ein Furry-Badge gereicht, mein Erkennungsabzeichen für die Party. Ich lege es mir um den Hals und bin domestiziert. Meine Fell-Sehnsucht wird größer. Also ziehe ich weiter zur Furry-Lounge – in der Hoffnung, dort die ersten Fellkostüme zu erspähen.

Im Empfangsraum begegnen sich die Furries und Fursuiter zum Pfoten-Schütteln. Die meisten Furries tragen ganz normale Kleidung in Kombination mit Tierhalsbändern oder anderen tierischen Accessoires. Fursuiter nennt man die Furries, die mit einem Teil- oder Ganzkörper-Tierkostüm bekleidet sind. Doch alle verbindet die Liebe zum Tier und deren Natur. Im Empfangsraum sitzen sie auf dunkelbraunen Korbsesseln an einem Tisch oder genießen Kaltgetränke an der Bar.


Nacktes Fell

Der Raum ist in einem warmen, erdigen Farbton gehalten, der Parkettboden aus dunklem, leicht gegerbtem Holz. An den Wänden hängen Gemälde von halbnackten Frauenkörpern. Ein Balkonfenster führt auf eine geräumige Dachterrasse. Von Tiergeruch und Waldatmosphäre keine Spur. Bisher sind auch hier nur Zweibeiner in menschlicher Gestalt unterwegs. Die meisten sind wohl zwischen 20 und 25 Jahren alt. Auf zehn Männer kommt eine Frau.

Jeder Gast trägt ein kleines Plastikschild um den Hals, auf dem der Spitzname steht. Aranur, Ben-jo, Aslan und Linus haben es sich auf ein paar Campingstühlen bequem gemacht. Ich fühle mich ein wenig wie auf einer Studentenparty und kann auch auf den zweiten Blick keine Fell-Fussel an ihnen entdecken. Nur hier und da lugt ein winziger Plüschtier-Husky aus der Jackentasche oder baumelt an einer Kette um den Hals. Einige tragen T-Shirts, von denen mir Comic-Wölfe ihre blutgetränkten Zähne entgegen fletschen. Die Begrüßung fällt unter Furries sehr innig aus. Man umarmt sich und küsst sich auf den Mund, wenn nicht gerade Fell dazwischen kommt.

5_befurry_reportage_01.JPGAn einem Stand für Furry-Accessoires werden Mützen mit integrierten Plüsch-Tierohren angeboten. Von herunterhängenden Schlappohren für Häschen bis hin zu spitz zulaufenden Fuchsohren ist alles für den Tierfreund käuflich erwerbbar. Einen Tisch weiter liegen hintereinander aufgereiht Plüsch-Tierschwänze in den Ausführungen Tiger, Schneeleopard oder Hund. Und für diejenigen, die es eher ausgeflippt mögen, sogar ein Tierschwanz in den Regenbogenfarben. „Sind nicht ganz so teuer wie ein Ganzkörper-Suit, was schnell mal 2.000 Euro kosten kann“, erklärt mir ein Furry. Inzwischen ist es voller geworden und ich wittere einige Plüschschwänze. Sogar am Hinterteil der anwesenden Fotografen und Hobbyfilmer. Manche kurz und buschig, andere lang und glatt.


Von gestorbenen Steiff-Teddys zum steppenden Bären

5_befurry_reportage_02.JPGEin Puma biegt auf zwei Pfoten um die Ecke. Er hat hellbraunes Fell, eine rote Nase und schwarze, dicke Krallen an den Vorderpfoten. Um die Hüfte trägt er einen schwarzen Lendenschurz und um den linken Arm ein schwarz-weißes Tuch mit einem Logo. Laut Eigenaussage sein Markenzeichen. Seine grünen Knopfaugen verfolgen mich mit ihrem Blick, egal an welchem Punkt der Terrasse ich mich auch befinde.

Also nähere ich mich dem wilden Felltier auf eine Armlänge und werde zutraulich empfangen. Der Mensch im Puma nennt sich Leguma und trägt seinen Fursuit (Fellkostüm) heute Abend zum ersten Mal. „Miau“, singt er in einem hellen und verzerrten Ton. Nachdem wir uns beschnuppert haben, greife ich nach seinem 1.500 Euro teuren Pelz. Das Fell ist weich und ich frage mich, wie viele Steiff-Plüschtiere für diesen Anzug sterben mussten. Obwohl der Puma Second Hand ist, trägt Leguma ihn mit Stolz. Er beherrscht die Sprache der Menschen und spricht mit einer dünnen, männlichen Stimme und einem asiatischen Akzent. Immer wieder japst er in dem Kostüm nach Luft. Es ist früher Abend und die Sonne wirft ihre letzten Strahlen auf die Dachterrasse „Das wiegt ganz schön viel und hier drin kann es eine Stauwärme von 60 Grad geben.“

Unbeholfen watschelt er in dem Kostüm umher und erinnert mich so ein bisschen an die Figur E.T. „Ich bin noch ein bisschen nervös, weil es eine neue Situation für mich ist.“ Leguma tänzelt von einer Pfote auf die andere. Immer am Fellzipfel ist sein persönlicher Begleiter Crash. Ein roter Fuchs, der aber kein Kostüm trägt. Er hält den Puma fest im Arm und passt auf, dass er keiner Zigarette zu nahe kommt oder er mit seinen ungeübten Tapsen stolpert. Das Fellkostüm ist etwas zu groß für den vermutlich schmächtigen Asiaten. An Schulter und Hüfte schlägt das Fellkleid tiefe Falten. Zu gern würde ich dem Puma einmal in die Augen schauen, doch die sind nirgends in dem großen Plüschkopf zu entdecken. Leguma und Crash beginnen, innig zu kuscheln, und ich verabschiede mich auf die Tanzfläche, dem Hotspot der Felltanzparty. Dort wartet sicher der steppende Bär auf mich.


Bunt, laut, fellig: Rave im Disneyland des Nordens

5_befurry_reportage_04.JPGDer Dancefloor ist gefüllt mit allerlei Getier. Ihre Gliedmaßen zucken im Takt der Musik. Ich fühle mich wie in einem wilden Plüschtier-Zoo. Ob Pferd, Wolf oder Schneegepard, alle tierischen Zweibeiner bewegen die Pfoten. Die Nichtfelligen schwenken bunte Neon-Knicklichter durch die Luft oder hängen sie sich als Ketten um Kopf, Hals oder Hände. Der DJ legt Popmusik und Techno auf.

Ich muss aufpassen, dass ich niemandem auf den Schwanz trete. Einige menschliche Gestalten haben sich Tierschwänze an ihrem Gürtel befestigt, andere halten ein kleines Plüschtier in der Hand. Immer wieder wird der Raum in ein anderes Licht getaucht. Rot. Blau. Grün. Mittendrin hüpfen und kreisen die pelzigen Gestalten wie bunte Farbtupfer auf einem weißen Blatt Papier. Hier und da trifft Fell auf Haut und das schnelle Tanztempo weicht dem gefühlvollen Paartanz.

Ein neongrüner Wolf tanzt sich in die Mitte der Tanzfläche. Er trägt Lederklamotten und allerlei Metall um die Schnauze. Der Cyberpunk auf zwei Pfoten sieht aus wie ein Endgegner aus dem Super-Mario-Spiel. Eine schwarze Pantherin schleicht sich an und tanzt sich vor ihm auf alle Viere. Eine Nebelmaschine hüllt die tanzende Tierschar in eine große weiße Wolke. Das bunte Laserlicht reflektiert tausendfach. Ein Pferd zappelt wie wild mit den Hufen, während in direkter Nähe ein anderes Felltier den Moonwalk erprobt. Mittendrin ein brauner Fuchs, der alles mit der Kamera festhält. Hier sind alle Tiergesetze aufgehoben. Ein bunter lauter Rave im Disneyland des Nordens.


Hypnose von großen blauen Knopfaugen

5_befurry_reportage_03.JPGKurz mal frische statt Furry-Luft schnappen auf der Dachterrasse. Ein Fuchs mit rot-braunem Fell, weißem Latz und einem buschigen Schwanz sitzt eingequetscht in einem Plastikstuhl. Seine plüschigen Vorderpfoten hängen lässig über die Armlehnen und die felligen Hinterbeine hat er leicht gespreizt von sich gestreckt. Während ich mit ihm spreche, tanzen die feinen Fellfusseln seines synthetischen Fellkleides im Abendwind. Er nennt sich Ray Fox, ist 23 Jahre alt und kommt aus Magdeburg. Während wir uns unterhalten, hypnotisieren mich seine großen blauen Knopfaugen. Egal aus welcher Perspektive ich ihn betrachte, das gigantische, zwei Meter große Plüschtier hält Blickkontakt zu mir.

Eine steife Hamburger Brise weht mir um die Beine und schneidet mir ins Gesicht. Ich friere, aber Ray Fox hat ein dickes Fell. Ihm wird so schnell nicht kalt, schließlich hat er eben schon ein paar heiße Pfoten aufs Parkett gelegt, erzählt er mir. Dabei bewegt sich seine Plüschschnauze genau im Rhythmus seiner Worte. Auf und ab. Auf und ab. Mehr gibt der Kiefer nicht her. Ab und zu steckt er auch mal seine pelzige Zunge heraus. „Da drinnen kann es ganz schön warm werden, hier ist es angenehm“, sagt eine jugendliche, männliche Stimme mit leicht ostdeutschem Akzent aus dem Inneren des Tierkostüms. Im aufrechten Gang erinnert er mich ein wenig an den Fuchs von Schwäbisch Hall. Ich will mit meinen Händen sein weiches Fell berühren, bleibe aber auf Abstand. Bei Füchsen weiß man ja nie, die können Tollwut haben.


Fellpflege, Leinengang und Nacktschnecken

Der babyblaue Plüschwolf mit der zotteligen Mähne neben ihm heißt Bluewolf und ist ein wenig korpulenter. Sein Plüschfell quillt aus dem zu engen Plastikstuhl und sein blauer Plüschschwanz berührt den mit Zigarettenstummeln übersäten Terrassenboden. Ich frage ihn, was er für seine Fellpflege tut, und auch seine weiße Schnauze bewegt sich, als er mir antwortet. „Das kommt in die Waschmaschine, und dann Schonschleudern. Sogar den Kopf kann man in die Waschmaschine tun.“ Für einen Moment vergesse ich die Realität und drifte ab in eine Fantasiewelt, in der sich Fuchs und Wolf unterhalten und wie Opas in Klappstühlen rumhängen.

5_befurry_reportage_05.JPGJetzt ein Getränk zur Erfrischung. An der Bar treffe ich Nightfur, einer der Veranstalter der Party. Ein grünes Hundehalsband ziert seinen Hals. „Das trage ich immer, sogar wenn ich schlafe. Nur beim Duschen nehme ich es ab, weil es sonst rostet. Das gehört einfach zu mir.“ Er spricht mit ausladenden Gesten und seine Stimme klingt, als würde er für einen Bühnenauftritt proben. „Ich habe auch eine Leine zuhause. Ab und zu lasse ich mich von jemandem in der Öffentlichkeit daran führen. Einfach nur um zu provozieren.“ Nightfur setzt ein breites Grinsen auf und das Gel in seinen Haaren glänzt, während er mit dem Kopf wackelt. Ein Zeichen der Unterwerfung sei das Halsband trotzdem nicht, betont er und lässt seinen Blick durch die Lounge wandern.

„Die meisten Furries kennen sich aus dem Internet und sehen sich heute zum ersten Mal. Es kommt vor, dass manche dann enttäuscht sind, nicht immer stimmen Fantasie und Realität überein. Im Internet sind sie ein großer, muskulöser Wolf und wenn Du sie triffst sind sie genau das Gegenteil.“ Mein Blick schweift zur Tür und bleibt an einer fast nackten Frau hängen, die sich lasziv am Türrahmen räkelt. Sie ist bereits in den besten Jahren und allein bedeckt von einer durchsichtigen, feinmaschigen Ganzkörperstrumpfhose. Für einen Moment halte ich sie für einen Furry und denke laut, welches Tier sie wohl mimt. Nacktschnecke! In der Tür geirrt. Die gehört eindeutig zum anderen Kundenstamm des Catoniums, klärt man mich auf.


Gruppenkuscheln und Blitzlichtgewitter

Auf der Dachterrasse werde ich schließlich Zeuge eines feucht-fröhlichen Gruppen-Kuschelns. Fellige und Nichtfellige treffen sich für ein Mitternachts-Intermezzo unter den Sternen. Inzwischen sind jede Menge Alkohol und Schweiß geflossen. Große Plüschpranken umschließen nackte Arme. Immer wieder lassen sich die Fellkleider von den Menschenhänden durchkraulen. Einer versinkt fast komplett im Plüschbauch eines Wolfes. In einer anderen Ecke wirft sich ein Mädchen auf den Rücken und wird sofort von anderen Furries umringt, die sie am ganzen Körper berühren. „Sie ist eine Katze und Katzen lieben es, zu schmusen und mal richtig durchgekrault zu werden“, erklärt mir ein Furry, der meinen skeptischen Blick eingefangen hat.

5_befurry_reportage_06.JPGEine Kamera blitzt links von mir, eine rechts. Die Plüschtiere baden im Blitzlichtgewitter. Wulfer, ein grauer Wolf in T-Shirt und Hose, schnappt sich einen Tierschwanz aus der Auslage und hält ihn wie ein Golfer, der zum Pitch ansetzt. Danach versammelt sich das Rudel von Füchsen und Wölfen für ein Gruppenfoto. Ray hebt seine linke Hinterpfote angewinkelt nach vorn wie ein professionelles Tiermodel. Die felligen Freunde grinsen mit heraushängenden Zungen und geschwungenen Lefzen in meine Fotokamera. Ihre Knopfaugen scheinen direkt in mich hineinzuschauen und mich zu hypnotisieren.


Abschiedsfoto und Fell-Sehnsucht

Jetzt möchte ich auch ein Abschiedsfoto. Ich posiere mit Zoo-Diac, den ich zum Rudelsführer auserkoren habe. Er ist der größte Fussel auf der Party und spricht kein Wort, während wir uns für das Foto setzen. Nachdem er mich ausgiebig beschnüffelt hat, fährt er mit seiner Wolfspfote zärtlich über mein unbefelltes Gesicht. Zwischen seinen Fellohren sitzt eine rote Strähne. Ich frage ihn, ob er vielleicht ein Punk ist und auf einmal spricht eine männliche Stimme zu mir. „Ich stehe auf Frauen, aber der Wolf ist schwul“, stellt Zoo-Diac klar und zeigt mir seine pelzige rosa Zunge. Trotzdem kuschelt der Wolf mit mir bis sich einige Fellfasern auf meinen Lippen abgesetzt haben. Für das Foto umarme ich seinen riesigen Plüschrücken. Sein Fell ist feucht und riecht nach Schweiß. Mir ist kalt und ich sehne mich nach einem dicken Fell. Nach fünf Stunden „Nordic Furdance“ ist es Zeit für mich den Streichelzoo zu verlassen. Das nächste Mal komme ich wohl besser auch im Fellkleid.

Von Anett Bauchspieß

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