| Don't worry, be furry! |
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Als kleines Kind träumte ich von Disneyland und kuscheln mit Micky Maus. Doch leider kam ich nie nach Paris und Micky nie zu mir nach Hause. Etwa 20 Jahre später mache ich mich auf zu einer gigantischen Plüschtier-Party.
Im unteren Bereich des Gebäudes ist die Lack- und Leder-Fraktion zuhause. Das macht mir beinahe mehr Sorgen als das, was ich über die Furries im Internet gelesen habe. Von animalischen Sexpartys in Tierkostümen ist da die Rede. Doch davon will ich mich nun selbst überzeugen. Draußen regt sich nichts. Keine Spur von den Felligen. Drinnen treffe ich ein paar Jugendliche neben einem schwarzen Stehtisch. „Bist Du auf der Liste?“, fragt der eine mich in einer sehr jungen, hellen Stimme und sucht auf einem Stück Papier. Eine Fell-Kleiderordnung gibt es hier anscheinend nicht. Die drei Jungs an der Kasse sehen jedenfalls aus wie Waldorfschüler mit langen Haaren und bedruckten T-Shirts. Bestimmt noch minderjährig und so ganz ohne Fellwuchs. Eben Backfische, denke ich mir, sage meinen Spitznamen und bekomme ein Furry-Badge gereicht, mein Erkennungsabzeichen für die Party. Ich lege es mir um den Hals und bin domestiziert. Meine Fell-Sehnsucht wird größer. Also ziehe ich weiter zur Furry-Lounge – in der Hoffnung, dort die ersten Fellkostüme zu erspähen. Im Empfangsraum begegnen sich die Furries und Fursuiter zum Pfoten-Schütteln. Die meisten Furries tragen ganz normale Kleidung in Kombination mit Tierhalsbändern oder anderen tierischen Accessoires. Fursuiter nennt man die Furries, die mit einem Teil- oder Ganzkörper-Tierkostüm bekleidet sind. Doch alle verbindet die Liebe zum Tier und deren Natur. Im Empfangsraum sitzen sie auf dunkelbraunen Korbsesseln an einem Tisch oder genießen Kaltgetränke an der Bar. HintergrundinfosArtikel: Furry und glücklich Der Raum ist in einem warmen, erdigen Farbton gehalten, der Parkettboden aus dunklem, leicht gegerbtem Holz. An den Wänden hängen Gemälde von halbnackten Frauenkörpern. Ein Balkonfenster führt auf eine geräumige Dachterrasse. Von Tiergeruch und Waldatmosphäre keine Spur. Bisher sind auch hier nur Zweibeiner in menschlicher Gestalt unterwegs. Die meisten sind wohl zwischen 20 und 25 Jahren alt. Auf zehn Männer kommt eine Frau.
Unbeholfen watschelt er in dem Kostüm umher und erinnert mich so ein bisschen an die Figur E.T. „Ich bin noch ein bisschen nervös, weil es eine neue Situation für mich ist.“ Leguma tänzelt von einer Pfote auf die andere. Immer am Fellzipfel ist sein persönlicher Begleiter Crash. Ein roter Fuchs, der aber kein Kostüm trägt. Er hält den Puma fest im Arm und passt auf, dass er keiner Zigarette zu nahe kommt oder er mit seinen ungeübten Tapsen stolpert. Das Fellkostüm ist etwas zu groß für den vermutlich schmächtigen Asiaten. An Schulter und Hüfte schlägt das Fellkleid tiefe Falten. Zu gern würde ich dem Puma einmal in die Augen schauen, doch die sind nirgends in dem großen Plüschkopf zu entdecken. Leguma und Crash beginnen, innig zu kuscheln, und ich verabschiede mich auf die Tanzfläche, dem Hotspot der Felltanzparty. Dort wartet sicher der steppende Bär auf mich.
Eine steife Hamburger Brise weht mir um die Beine und schneidet mir ins Gesicht. Ich friere, aber Ray Fox hat ein dickes Fell. Ihm wird so schnell nicht kalt, schließlich hat er eben schon ein paar heiße Pfoten aufs Parkett gelegt, erzählt er mir. Dabei bewegt sich seine Plüschschnauze genau im Rhythmus seiner Worte. Auf und ab. Auf und ab. Mehr gibt der Kiefer nicht her. Ab und zu steckt er auch mal seine pelzige Zunge heraus. „Da drinnen kann es ganz schön warm werden, hier ist es angenehm“, sagt eine jugendliche, männliche Stimme mit leicht ostdeutschem Akzent aus dem Inneren des Tierkostüms. Im aufrechten Gang erinnert er mich ein wenig an den Fuchs von Schwäbisch Hall. Ich will mit meinen Händen sein weiches Fell berühren, bleibe aber auf Abstand. Bei Füchsen weiß man ja nie, die können Tollwut haben. Der babyblaue Plüschwolf mit der zotteligen Mähne neben ihm heißt Bluewolf und ist ein wenig korpulenter. Sein Plüschfell quillt aus dem zu engen Plastikstuhl und sein blauer Plüschschwanz berührt den mit Zigarettenstummeln übersäten Terrassenboden. Ich frage ihn, was er für seine Fellpflege tut, und auch seine weiße Schnauze bewegt sich, als er mir antwortet. „Das kommt in die Waschmaschine, und dann Schonschleudern. Sogar den Kopf kann man in die Waschmaschine tun.“ Für einen Moment vergesse ich die Realität und drifte ab in eine Fantasiewelt, in der sich Fuchs und Wolf unterhalten und wie Opas in Klappstühlen rumhängen.
„Die meisten Furries kennen sich aus dem Internet und sehen sich heute zum ersten Mal. Es kommt vor, dass manche dann enttäuscht sind, nicht immer stimmen Fantasie und Realität überein. Im Internet sind sie ein großer, muskulöser Wolf und wenn Du sie triffst sind sie genau das Gegenteil.“ Mein Blick schweift zur Tür und bleibt an einer fast nackten Frau hängen, die sich lasziv am Türrahmen räkelt. Sie ist bereits in den besten Jahren und allein bedeckt von einer durchsichtigen, feinmaschigen Ganzkörperstrumpfhose. Für einen Moment halte ich sie für einen Furry und denke laut, welches Tier sie wohl mimt. Nacktschnecke! In der Tür geirrt. Die gehört eindeutig zum anderen Kundenstamm des Catoniums, klärt man mich auf. Auf der Dachterrasse werde ich schließlich Zeuge eines feucht-fröhlichen Gruppen-Kuschelns. Fellige und Nichtfellige treffen sich für ein Mitternachts-Intermezzo unter den Sternen. Inzwischen sind jede Menge Alkohol und Schweiß geflossen. Große Plüschpranken umschließen nackte Arme. Immer wieder lassen sich die Fellkleider von den Menschenhänden durchkraulen. Einer versinkt fast komplett im Plüschbauch eines Wolfes. In einer anderen Ecke wirft sich ein Mädchen auf den Rücken und wird sofort von anderen Furries umringt, die sie am ganzen Körper berühren. „Sie ist eine Katze und Katzen lieben es, zu schmusen und mal richtig durchgekrault zu werden“, erklärt mir ein Furry, der meinen skeptischen Blick eingefangen hat.
Jetzt möchte ich auch ein Abschiedsfoto. Ich posiere mit Zoo-Diac, den ich zum Rudelsführer auserkoren habe. Er ist der größte Fussel auf der Party und spricht kein Wort, während wir uns für das Foto setzen. Nachdem er mich ausgiebig beschnüffelt hat, fährt er mit seiner Wolfspfote zärtlich über mein unbefelltes Gesicht. Zwischen seinen Fellohren sitzt eine rote Strähne. Ich frage ihn, ob er vielleicht ein Punk ist und auf einmal spricht eine männliche Stimme zu mir. „Ich stehe auf Frauen, aber der Wolf ist schwul“, stellt Zoo-Diac klar und zeigt mir seine pelzige rosa Zunge. Trotzdem kuschelt der Wolf mit mir bis sich einige Fellfasern auf meinen Lippen abgesetzt haben. Für das Foto umarme ich seinen riesigen Plüschrücken. Sein Fell ist feucht und riecht nach Schweiß. Mir ist kalt und ich sehne mich nach einem dicken Fell. Nach fünf Stunden „Nordic Furdance“ ist es Zeit für mich den Streichelzoo zu verlassen. Das nächste Mal komme ich wohl besser auch im Fellkleid. Von Anett Bauchspieß Kommentare (0) |