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Hannover an der Seine

Auf dem Altstadt-Flohmarkt essen Trödler seit 40 Jahren die selbe Bratwurst und verhökern alten Ramsch und seltene Kostbarkeiten. Ein Rundgang auf dem ältesten Flohmarkt Deutschlands.

Die Leine flussaufwärts, vorbei an den Gemäuern des historischen Museums, steht ein Schild das nach Westen zeigt: „Flohmarkt Paris 777 km.“ Dann riecht es nach Bratfett. Dickbäuchige Rentner, Arbeitslose, alte Rocker und Frauen mit zerschlissenen Mänteln stehen Schlange vor der weißen Imbissbude, unter dem roten Markisendach.

Der Schlachter

„Ich bin hier die Legende,“ sagt ein pausbackiger Mann mit kurzgescho­renen Haaren hinter dem Tresen. Paul Violka. „Ich bin der Grund, weshalb die Leute zum Flohmarkt kommen.“ Paul ist Schlachter und die selbsternannte Seele des Flohmarkts. Er ist 76 Jahre alt und brät jeden Samstag Würstchen für die hungrige Flohmarktgemeinschaft am Hohen Ufer in Hannover. Paul ist Zeuge von über 40 Jahren Flohmarktgeschichte. „Der Künstler Reinhard Schamuhn gründete den Flohmarkt 1967. Er brachte einen Kanister Seine-Wasser aus Paris mit und kippte ihn in die Leine.“ Die beiden Flüsse sollten so  verbunden werden. Paul hat es mit eigenen Augen gesehen.

„Vor ein paar Jahren ist ein Mann in die Leine gesprungen, die hier nur einen Meter tief ist und war danach querschnittsgelähmt. Oder manchmal im Sommer kann man morgens jungen Pärchen am anderen Ufer beim Vögeln zusehen...“ Der nächste Kunde bremst seinen Redeschwall. Paul wendet sich ihm zu: „Du bis ja ganz blass, da muss das Blut in Wallung kommen. Darf es ’ne Wurst sein?“

Der Hardrocker

Der Uferstraße entlang, zwischen den überdachten Ständen mit ausgebleichten Plastikplanen ragt ein gelb-weiß gestreiftes Markisendach hervor. Henning Möllers Stand steht immer an der selben Stelle am Hohen Ufer der Leine. Hinter den beiden Klapptischen, die ihn von den bummelnden Menschen abgrenzen, stehen verschlossene Umzugskartons. Heute liegen Spieluhren aus Porzellan, verschnörkelte Vasen und vergoldete Mokkatassen auf den abgenutzten Tischdecken. „Wir dürfen hier nur Sachen verkaufen, die vor 1975 hergestellt wurden. Keine Textilien, keinen Nazischrott.“ Henning lehnt sich auf seinem hölzernen Klappstuhl zurück und zündet seine Pfeife an. Er ist 57 Jahre alt und spielt Schlagzeug in einer Hardrockband, die sich „Schrei“ nennt.

Er beugt sich nach vorne, sein schulterlanges, zerzaustes Haar fällt ihm ins Gesicht. „Eigentlich bin ich hier Sozialarbeiter,“ sagt er und lacht. „Die Leute kommen mit ihren Problemen zu mir, am Ende des Tages bin ich ganz schön geschafft.“ Bevor er Trödler wurde, hat er ein Jahrzehnt als Postbote gearbeitet. Seit 24 Jahren entrümpelt er Häuser. Er komme über die Runden, wenn er noch an ein, zwei anderen Märkten verkaufe. „Das Tolle ist, hier kann man sich frei benehmen.“ Henning stopft seine Pfeife mit frischem Tabak. „Jeder kann so sein, wie er ist.“ Ein Mann bleibt vor seinem Stand stehen und nimmt einen silbernen Löffel in die Hand. Henning steht auf und wendet sich ihm zu.

Die Friseurin

Zwei Stände weiter sitzt Anita Strauchmann auf einer bemoosten Steinmauer. Sie blickt auf die Enten, die gegen die Strömung der Leine anschwimmen. Auf den Tapeziertischen vor ihr stehen Plastikboxen, in denen, alphabe­tisch sortiert, Schallplatten liegen. Daneben ein antikes Grammophon. Ein Blick auf die Hüllen: Kirmesmusikanten, Traditionsmärsche I-IV, das Heimat Duo Judith und Mel. Ein Euro für die Single, die es doppelt gibt, sonst drei Euro, vier Euro für ein Album. „Es ist der beste Markt für Schallplatten in Hannover“, sagt sie. Feste Preise, das erspare nerviges Schachern und Feilschen und sie könne mit den Menschen über andere Sachen reden. Früher war Anita Friseurin. Seit sechs Jahre verkauft sie zusammen mit ihrem Mann Platten.

Sie hört den Flohmärktlern geduldig zu, die meisten erzählen ihr aus ihrem Alltag. Meist ältere Herren, verwitwet oder alleine. Anita gibt ihren Kunden Namen: Der Verdächtige, weil er immer „verdächtig“ sagt, wenn ihm eine Platte gefällt. Oder der Gefühlvolle, der die Plattenhüllen zärtlich streichelt, bevor er die schwarzen Scheiben herausnimmt. „Hier auf dem Flohmarkt treffen sich Spinner und Normalos.“ Ein dick eingepackter Rollstuhlfahrer nähert sich dem Tapeziertisch, auf dem das Grammophon steht. Er wühlt in einer Plattenkiste und legt „Schlager Rendez-Vous mit Peter Alexander“ auf. Regungslos lauscht er der Musik und starrt auf das Wasser der Leine.

Edeltraut und das Internet

Über die schmale Steinbrücke geht es ans andere Ufer. Hausrat, Trödel und Kitsch, Kunst und Kram, sogar kostbare Antiquitäten. Vorbei an den voluminösen, schreiend bunten Nanas von Niki de Saint Phalle. „Im Sommer ist es hier wie an der Seine,“ sagt Edeltraut Leichnitz. Sie handelt mit Pelzen und Schmuck. „Es ist nicht leicht. Ich habe schon mehr verdient. Heute kaufen und verkaufen die Leute im Internet. Auf dem Flohmarkt hat man immer Zeit für ein Pläuschchen. Bei eBay nicht, da geht es nur ums Geld.“ Seit 13 Jahren steht sie an der selben Stelle, auf dem ältesten Flohmarkt Deutschlands.
Über das hohe Ufer scheppert noch immer das Grammophon. Edith Piaf singt: „Paris... Paris“

Von David Stumpp

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