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Wer in diesen Tagen in der Innenstadt Hannovers unterwegs ist, mag erstaunt feststellen, dass die Kröpcke-Uhr ganz anders aussieht. Als hätte sie sich angesichts der sinkenden Temperaturen eine bunte Wollmütze aufgesetzt, schmückt die Spitze der Uhr ein Kunstwerk aus Bommeln und Strick. Urban Knitting heißt dieser neue Trend in der Straßenkunst. Verantwortlich für die Mütze der Kröpcke-Uhr ist die Lindener Künstlerin Mansha Friedrich.
In einem generationsübergreifenden Projekt mit einem Kinderhort, einem hannoverschen Altersheim und sechs weiteren Strickerinnen entstand aus vielen Einzelteilen das bunte Strick-Graffiti. „Ich hab mir gesagt: Ich mach jetzt was Fettes!“, sagt die Künstlerin, die früher als erfolgreiche Graffiti-Sprüherin bekannt war. Sie ließen sich und ihren vielen Helfern drei Monate Zeit für „lässige“ Strickerei. Und so entstand aus ungefähr 120 Wollknäulen das bisher größte Urban Knitting-Kunstwerk Deutschlands. Da es aus so vielen Einzelteilen besteht, die erst beim Anbringen des Kunstwerkes zusammengehäkelt wurden, kam ein kunterbuntes Wirrwarr aus niedlichen und „abgefahrenen“ Strickereien dabei heraus.
Ursprünglich kommt Urban Knitting aus Texas. Als Magda Sayeg (37) 2008 durch die großen Fenster der Boutique, in der sie arbeitete, in die grauen, tristen Straßen von Houston blickte, kam ihr die Idee. Als Antwort auf ihre graue, kalte Umgebung aus Stahl und Zement strickte sie einen kleinen pinken Überzieher für die Türklinke der Boutique. Dieser pinke Farbklecks zog schnell die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich. Sayeg war überrascht von der Begeisterung der Kunden und hörte nicht mehr auf zu stricken: Laternenmasten, Verkehrsschilder und Parkuhren schmückte sie mit buntem Strick.
Schnell fand sie viele Mitstreiter und gründete die Gruppe Knitta Please. Innerhalb weniger Wochen erreichten sie Anrufe aus aller Welt. Alle wollten sie einladen etwas zu bestricken. So eroberten Sayegs Strick-Graffitis von Texas aus die Welt: Mexiko, Sydney, Paris - überall hinterließ sie ein buntes Strickkunstwerk. Ihr bisher größtes Kunstwerk war ein ganzer Bus in Mexiko, den sie innerhalb von vier Tagen bestrickte. Die ausgefallene Straßenkunst fand schnell Nachahmer. Auch als Strick-Guerilla verschönern sie mit vermummten Gesichtern vielerorts das Stadtbild.
Geduldete Veränderung
Rechtlich befindet sich das Strick-Graffiti in einer Grauzone. Nach § 303 StGB gilt Graffiti als Sachbeschädigung und wird als Straftat verfolgt. Dies greift beim Strick-Graffiti allerdings nicht, da die Veränderung nur vorübergehend ist und der Ausgangszustand mit nur wenigen Scherenschnitten wiederhergestellt werden kann. Direkt erlaubt ist es aber nicht, da auf das Erscheinungsbild eingewirkt wird und nur der Allgemeingebrauch des Straßenraumes ohne Genehmigung erlaubt ist. „Wir haben das neu auftretende Phänomen schon registriert.“, erklärt Udo Möller, Pressesprecher der Landeshauptstadt Hannover. Solange dabei nichts beschädigt oder beeinträchtigt wird, werde es von der Stadt geduldet. Seine Grenzen finde dies allerdings, sofern gefährliche Situationen entstehen könnten, wie zum Beispiel beim Umstricken von Straßen- und Verkehrsschildern, oder auch an sensiblen Orten wie Friedhöfen, Mahnmalen oder Denkmälern.
Mansha Friedrich hatte sich für das Bestricken der Kröpcke-Uhr eine Genehmigung von der Stadt geholt. Dort war man von ihrer Idee begeistert. Und auch den Passanten in Hannover gefällt das ausgefallene Kunstwerk. Frau Heise steht mit dem Rücken zur Kröpcke-Uhr. Beide Daumen reckt die Rentnerin euphorisch empor und blickt mit einem breiten Grinsen in die Kamera ihres Gatten. „Das ist eine so schöne Idee! Ich hab mich richtig gefreut als ich es gesehen habe.“, sagt sie. Dass Strick bei Rentnerinnen beliebt ist, ist nicht neu. Dass Jugendliche Gestricktes cool finden, allerdings schon. Estefana und Juan, zwei Touristen aus Spanien, sind ebenfalls begeistert vom bestrickten Kröpcke. „Das ist so cool! Wir haben sowas auch schon bei uns in Spanien gesehen. Ein richtiger Hingucker im grauen Hannover im November.“, sagt Estefana mit starkem spanischen Akzent und lässt sich ebenfalls vor der Uhr fotografieren.
Aber nicht alle sind so begeistert. Ein Passant schüttelt den Kopf und grummelt: „So ein Quatsch, verschwendete Wolle. Da könnte sie lieber warme Pullover draus stricken.“ Mansha Friedrich wundert sich über solche Reaktionen: „In manchen Köpfen ist Wolle untrennbar mit Kleidung verbunden. Aber Wolle kann mehr!“. Und genau diese Umdeutung der herkömmlichen Funktion ist zentral beim Urban Knitting. Die Blicke der Passanten in Hannovers Innenstadt wandern immer wieder an der Kröpcke-Uhr empor und bei den meisten hinterlässt der Anblick der Strickmütze ein Lächeln im Gesicht.
Von Anna Ullrich
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