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Kein Geschlecht - oder viele

Frau und Mann. Mädchen und Junge. So lernen wir es von klein auf. Doch gibt es wirklich nur zwei? Sind da nicht noch ein paar mehr? print fragt nach bei Dr. Heinz-Jürgen Voß.

Bereits nach dem Abitur 1998 engagierte er sich in geschlechterkritischen Gruppen. Das „klassische“ Biologiestudium ließ für ihn noch Fragen offen. So studierte er zusätzlich Philosophie, Sozialpolitik und Geschlechterforschung. Heute ist er Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten.

Für seine Doktorarbeit "Making Sex Revisited" (2010) schaute er in die Historie der Forschungsfelder. Und auch im jetzt neu erschienen Buch "Geschlecht: Wider die Natürlichkeit" beleuchtet Heinz-Jürgen Voß wieder anschaulich und verständlich historische und aktuelle biologische Theorien.

print: Herr Voß, wie ordnen Sie sich selbst ein, mit all Ihren Erkenntnissen?

Heinz-Jürgen Voß: Schlicht als Mensch. Durch die sehr eindeutige Zuordnung werden ja sowohl an Frauen als auch an Männer Ansprüche formuliert, die sie erfüllen sollen. Für Mann gilt beispielsweise sehr sportlich und weniger sprachbegabt und dafür sehr mathematisch logisch denkend. Da sind Stereotype mit verbunden, die konkret auf den Menschen Einfluss nehmen. Ich mag mich innerhalb solcher Stereotypen gar nicht verorten. Ich mag einfach meine eigenen Fähigkeiten, meine eigenen Wünsche ausbilden können, wie ich es mag.

print: Der Blick auf sich selbst und die Treue zu den eigenen Fähigkeiten und Werten geht doch auch so. Warum die Geschlechterordnung aufheben?

(c) privat

Heinz-Jürgen Voß

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Heinz-Jürgen Voß: Wichtig ist, dass sich für jeden Menschen wesentlich mehr Möglichkeiten ergeben würden, wenn einfach nicht diese geschlechtliche Brille immer vorhanden wäre, wenn nicht diese Diskriminierung stattfinden würde, dass Frauen wesentlich schlechter bezahlt werden in der jetzigen westlichen Gesellschaft, dass sie schlechte Chancen haben auf wichtige Berufe einzusteigen.
Wenn Geschlecht gar nicht unterschieden würde in einer Gesellschaft, kann ich mir vorstellen, dass Menschen sich wohler fühlen.

print: In der Biologie gab es stets die Auffassung, dass beide Anlagen in uns sind. Die Gesellschaft unterschied immer in Mann und Frau. Lediglich die Rollen und Aufgaben veränderten sich im Zeitverlauf. So konnte jemand im 19. Jahrhundert als Frau gelten, war aber zu vor hinsichtlich der übertragenen Aufgabe noch Mann.
Wie wird heute zugeordnet?

Heinz-Jürgen Voß: Heute rein optisch. Wir gehen ja immer davon aus, dass Genitalien ganz bedeutsam seien, einerseits stellen die sich gar nicht so eindeutig dar und andererseits betrachten wir die meisten Leute gar nicht nackig auf der Straße. Die gesellschaftliche Zeichen, wie Kleidung, sind wesentlich bedeutsamer bei der Einordnung als Geschlecht. Wenn ich beispielsweise in einer Gesellschaft als uneindeutig betrachtete Genitalien hab, kann ich mich trotzdem geschlechtlich eindeutig kleiden und damit wird nie die Frage nach meinem Geschlecht aufkommen.

print: In einer Lebenssituation ist das Geschlecht immer bedeutend: bei der Geburt. Die erste Frage an die Hebamme und die Ärzte: Junge oder Mädchen? Danach wird der kleine Mensch in eine blaue beziehungsweise rosa Decke gewickelt.
Was passiert, wenn diese erste Frage offenbleibt?

Heinz-Jürgen Voß: Zur Zeit werden Menschen geschlechtlich sehr gewaltvoll zugewiesen, wenn es uneindeutig ist. Es sind lebenslange Eingriffe, mit Hormongaben verbunden. Wenn beispielsweise eine Vagina hergestellt wird, muss diese von Geburt an stets geweitet werden und das passiert unter anderem durch die Eltern mit dem kleinen Finger oder Dildo ähnlichen Sachen. Das wird teilweise auch als Vergewaltigungserfahrung wahrgenommen.

print: Vergewaltigung gleich vom ersten Lebenstag an - durch die Eltern, ärztlich verordnet. Vor Gericht wurden bereits Schadensersatzansprüche für Betroffene anerkannt.
Heben wir die Zweiteilung in Mann und Frau auf, entfielen diese Qualen?

Heinz-Jürgen Voß: Meine Auffassung ist: Kein Geschlecht oder viele, also auf jeden Fall nicht zwei oder drei. Biologie hat kein einigermaßen überzeugendes Modell von Geschlechtsentwicklung bisher abgeliefert. Mit den Chromosomen das stimmt einfach so nicht, mit den Genen das ist nicht so leicht, mit den Hormonen ist nicht so leicht. Wenn wir da anders denken und andere Blickwinkel ansetzen, fällt die Zuordnung weg.
Allerdings passiert das nicht einfach so, sondern dafür ist politisches Streiten erforderlich! So kam Intersexualität auch nicht einfach so in den Blick der Öffentlichkeit, sondern durch den intensiven und langen Kampf intersexueller Menschen - und weiteres Streiten ist notwendig, damit die menschenverachtende medizinische Praxis ein Ende findet.

print: Im Sommer 2009 fand die 12. Leichtathletik-WM in Berlin statt. Der grandiose 800-Meter-Lauf brachte der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Mokgadi Caster Semenya die Weltjahresbestzeit, die Goldmedaille - und eine umfangreiche medizinische Untersuchung. War hier ein Mann unerlaubt bei den Frauen gestartet?

Heinz-Jürgen Voß: Es wurde ein ganzes Untersuchungsteam auf sie angesetzt, um das zu klären. Die sollten dann Hormone, Gene, Chromosomen, innere, äußere Genitalien untersuchen. Das Spannende daran ist, dass bis heute kein Ergebnis davon veröffentlicht wurde und damit vielleicht auch deutlich wird, dass Geschlecht gar nicht so einfach zu bestimmen ist aus biologischer Perspektive.

print: Die Bestzeit, die Goldmedaille und das Preisgeld blieben in Südafrika. Der internationale Athletikverband vermerkte „W“ für weiblich im Athletenportrait. Seit Anfang Juli 2010 darf Mokgadi Caster Semenya wieder bei den Frauen starten. Hätte statt des Untersuchungsaufwandes nicht auch eine Frage an die Läuferin selbst gereicht?

Heinz-Jürgen Voß: Wenn sie von sich sagt, sie ist eine Frau, dann ist sie selbstverständlich eine Frau. Niemand hat das Recht, in solch eine Selbstbestimmung hinein zu reden.

print: Vielen Dank Herr Voß.

Das Interview führte Nico Kleinfeldt

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