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Die Revolution der Herzen

Die Occupy Wall Street Bewegung schwappt von New York um die Welt. Immer mehr Menschen schließen sich der Bewegung an. Auch in Hannover wird gegen die Macht der Finanzmärkte demonstriert.

Paolo ist einer der Ersten, die sich am Treffpunkt versammeln. Der junge Mann portugiesischen Ursprungs trägt ein Cappi und hat einen Lautsprecher dabei. Suchend schaut er sich um. In der Innenstadt herrscht reges Treiben. Ein kühler Samstagmittag im November. Die wenigen Blätter, die sich noch eisern an die Äste krallen, rascheln im Wind. Ein paar Meter weiter spielt eine afrikanische Familienband "Oh happy day". Ihr fröhlicher Gesang tönt durch die Georgstraße. Es riecht nach Bratwurst. Ein Clown mit roter Wollperücke schlurft die Straße entlang und verkauft bunt glitzernde Luftballons, versehentlich streift er Paolo. Hier soll gleich eine Demonstration von Occupy Hannover starten.

Als die Bewegung im Mai unter dem Namen "Democracia Real Ya" (Echte Demokratie jetzt) in Madrid ihren Anfang fand, ging hier noch niemand auf die Straße. Erst mit der Besetzung des Zuccotti Parks in Manhattan im September begannen die weltweiten Proteste unter dem Namen "Occupy Wall Street". Seit Oktober werden auch viele deutsche Städte occupiert. Darunter sind Frankfurt, Hamburg und auch Hannover.

"Wir sind normale Menschen"

Paolo hat Jura studiert. Nur noch die mündliche Prüfung im zweiten Staatsexamen steht ihm bevor, dann ist er Anwalt. Ein Streifenwagen fährt vor. Paolo hatte die Demo angemeldet. Ein junger Beamter und seine Kollegin besprechen mit ihm die Route. "Sagen Sie Bescheid, wenn jemand auf Sie einwirken will. Wir fahren im Streifenwagen voraus", sagt der Beamte freundlich. Inzwischen hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Jung und alt kommen hier zusammen: Studenten, Rentner, Angestellte, Arbeitssuchende, Schüler – sie alle vereint die Kritik am Wirtschaftssystem. "Das ganze Finanzsystem ist krank. Es besteht nur aus Flickwerk und muss von Grund auf geändert werden. Es muss ein Umdenken in der Gesellschaft geben, weg von diesem ‚immer noch mehr‘", sagt eine kleine 60-Jährige Frau mit rotbraun gefärbtem Haar. Ihr Name ist Maria.

Paolo greift zum Mikrofon. "Hallo. Schön, dass ihr alle hier seid.", begrüßt er die circa 80 Versammelten. "Ich würde vorschlagen wir verlesen unser Manifest bevor wir losgehen." Es beginnt mit den Worten: "Wir sind normale Menschen." Was darauf folgt, beschreibt den bunt gemischten Haufen sehr treffend: "Einige von uns bezeichnen sich als fortschrittlich, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive." Mit fester Stimme liest er vor. Die Kritikpunkte der Bewegung schallen durch die Innenstadt: Korruption, das machtgierige Wirtschaftssystem, Ungerechtigkeiten, verschwendete Ressourcen und die Zerstörung des Planeten. Passanten bleiben stehen und hören interessiert zu. Das Manifest endet schließlich mit:  "Ich glaube, dass ich etwas ändern kann. Ich glaube, dass ich helfen kann. Ich weiß, dass wir es gemeinsam schaffen können. Geh mit uns auf die Straße. Es ist dein Recht."

Heftig klatscht Maria in die Hände und nickt zustimmend. Die anderen stimmen mit ein. Eine so bunt gemischte Gruppe zusammen zu halten ist oft schwer. Außenstehende, die versuchen die Proteste einzuordnen, verbannen sie schnell in die politisch linke Ecke. Dem 20-Jährigen Feryaz, der gerade sein Fachabitur mit dem Schwerpunkt Wirtschaft macht, gefällt das gar nicht. „Alle gesellschaftlichen Gruppen sind hier vertreten. Wir sind nicht nur die linken Spinner!“, sagt er. Auch Wirtschaftsinformatik-Student Sebastian wehrt sich gegen dieses Vorurteil: "Wir wollen nicht in die linke Schublade gesteckt werden. Ich selbst würde mich als eher konservativ beschreiben." Kurz darauf setzt sich die Bande in Bewegung. Bunte Plakate und Banner ragen aus der Menge: "capitalism kills", "We are 99%" oder "Occupy Wallstreet" heißt es da. Trommeln, Pfeifen und Tamburins machen viel Lärm. Sprechchöre schallen durch die Bahnhofstraße:
"BRECHT - DIE MACHT - DER BANKEN UND KONZERNE!", bellt einer abgehakt in das Mikrofon. "WIR SIND HIER - WIR SIND LAUT - WEIL MAN UNS DIE ZUKUNFT KLAUT!", einmal spricht er es vor. Bei zweiten Mal stimmen alle mit ein.

Damit sorgen die Demonstranten für viel Aufsehen. Bummelnde Passanten bleiben verdutzt stehen. Einige runzeln verwirrt die Stirn, manche reißen die Augen überrascht auf. Ein junger, dunkelhaariger Passant hat für die Plakate der Demonstranten nur ein müdes Lächeln übrig. Ernst nehmen kann er das Ganze nicht. "Aber so ein großer Aufmarsch macht schon Eindruck", gibt er zu, als der Demonstrationszug mit der Länge von zwei Gelenkbussen an ihm vorbeizieht. Gegenüber des Ernst-August-Platzes unterbrechen sie ihren Marsch für eine Kundgebung. Am "Offenen Mikrofon" kann jeder sagen was ihm auf der Seele brennt. Jörg, freier Dozent für Erwachsenenbildung, ergreift das Wort: "Wir wollen nicht in ein paar Jahren sagen hätten wir, hätten wir, hätten wir. Jetzt haben wir die Chance etwas zu ändern! Diese internationale Bewegung wird nicht einfach aufhören! All den Leuten um uns herum, die nicht mit uns demonstrieren, sondern einkaufen, geht es noch zu gut. Aber auch sie sind Teil des Leidenszyklus. Diese globale Entwicklung wird sie treffen."

Auch Kristine und Torsten sind Teil der Menge. Das junge Paar ist hier, um die globale Bewegung zu unterstützen und Solidarität zu zeigen zu den Demonstranten an der Wall Street. Immer mit dabei: ihre 20 Monate alte Tochter. "Meistens verschläft sie die Demos. Aber sie soll von Anfang an dabei sein. Wir wollen ihr später beibringen was politisch möglich ist und zeigen, dass jeder etwas tun kann." In ihrem blauen Kinderwagen schläft die Kleine tief und fest. Ein gelber Smile-Luftballon ist daran festgebunden und zappelt im Wind. Am "offenen Mikrofon" werden mögliche Lösungsvorschläge diskutiert. Wirklich einig ist man sich nicht, bis Kai, ein Mann mittleren Alters in einer Jacke mit Tarnmuster, sagt: „Ach Leute. Kapitalismus, Kommunismus… das interessiert mich alles nicht! Die Leute, die hier sind, sind mit dem Herzen dabei. Und das ist das Wichtige.

"Das ist die Revolution der Herzen!"

Ein Mädchen mit feuerrotem Haar und Baggy-Hose schreibt mit Kreide "Occupy Hannover" und den Termin für die nächste Demo auf die Straße. Eine bunte
Flut an Flyern findet den Weg in die Hände der Passanten. Auch Flyer der Partei "Die Linke" sind darunter, die von einigen Demonstranten nicht gern gesehen
werden. Diese waren auch am Montagabend beim "Orga"-Treffen ein Thema. Im Hinterzimmer des spanischen Restaurants "El nino" in der List saß der 32-
Jährige Christian im Nadelstreifenanzug neben dem 70-Jährigen Roland im Wollpulli. Eine 16-köpfige Gruppe ließ hier die letzte Demonstration Revue passieren. Über die Flyer der Linken sind sich die Protestler uneins. Verbieten oder dulden? Sie einigten sich schließlich darauf, zunächst weiter zu beobachten wie sich die Situation entwickelt. Doch klar ist: Die Bewegung kämpfen mit der Gefahr von bestehenden Parteien geschluckt zu werden.

Den bibbernden Demonstranten am Ernst-August-Platz steht die Kälte ins Gesicht geschrieben. Sie marschieren weiter die Kurt-Schumacher-Straße entlang und biegen am Steintor wieder in die Georgstraße ein. Dabei halten sie auch den Straßenbahnverkehr auf.
"WESSEN STRAßE?", brüllt der junge Rothaarige neben Paolo laut in das Mikrofon.
"UNSRE STRAßE!", antwortet die Menge.
"WESSEN ZUKUNFT?" - „UNSRE ZUKUNFT!“
"WESSEN GELD?" - „UNSER GELD!“
"LEUTE, LASST DAS SHOPPEN SEIN!" - "REIHT EUCH IN DIE DEMO EIN!"

Diesem Aufruf folgen tatsächlich einige. Eine Gruppe junger Mädchen lässt sich mitreißen. "Worum geht’s denn hier eigentlich?", fragen sie. Die Einkaufstüten baumeln an ihren Handgelenken. Am Ausgangspunkt angelangt, bilden sie wieder einen Kreis um das Mikrofon. Paolo liest die bewegende Rede von Severn Suzuki, einer damals dreizehnjährigen Umweltaktivistin, vor. 1992 sprach das mutige Mädchen auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro und wies die Delegierten darauf hin, dass sie keine Lösungen für viele Probleme haben. "(…) Vergessen Sie nicht, warum Sie an diesen Konferenzen teilnehmen, für wen Sie das tun - wir sind Ihre Kinder. Sie entscheiden, in was für einer Welt wir aufwachsen werden. Eltern sollten die Möglichkeit haben ihre Kinder zu trösten, indem sie ihnen sagen ‚Alles wird gut‘, ‚Wir tun alles was wir können‘ und ‚Das ist nicht das Ende der Welt.‘ Aber ich denke nicht, dass Sie das je wieder zu uns sagen können. Sind wir überhaupt auf Ihrer Prioritätenliste? Mein Vater sagt immer: ‚Du bist was du tust, nicht was du sagst.‘ Was Sie tun, lässt mich nachts weinen."

Während Paolo liest, wird es plötzlich ganz still. Mitten in der Innenstadt scheint das Leben plötzlich still zu stehen. Der riesige Kloß im Hals der Zuhörenden schwillt immer weiter an, nimmt ihnen die Kraft etwas zu sagen. Eine junge Frau wischt sich schluchzend die Tränen von den Wangen. Der Horizont der Occupy Hannover Demonstranten ist nicht auf das Finanzsystem begrenzt. Sie haben erkannt, dass die großen Probleme unserer Zeit - Klimawandel, Armut und Finanzkrisen - eng miteinander verknüpft sind. Nach einer Weile betroffenen Schweigens kommt die Diskussion wieder auf mögliche Lösungsvorschläge. "Wir können uns hier treffen und das mit unseren Gesprächsregeln von Anfang an gemeinsam entwickeln", schlägt ein großer, schlanker Mann mit grauer Wollmütze vor. Währenddessen malt seine kleine Tochter in Mitten der Demonstranten mit Kreide Blumen auf die Straße.

Die Kröpcke-Uhr zeigt kurz nach 16 Uhr, als die Gruppe langsam beginnt sich aufzulösen. Nächsten Samstag werden sie wiederkommen. Paolo ist zufrieden mit dem heutigen Tag: "Viele Passanten sind stehengeblieben und haben zugehört. Und sind, sofern ich das an der Mimik erkennen konnte, auch nachdenklich geworden. Darum geht es. Dass sich Menschen informieren, einbringen und kommunizieren."
 

Von Anna Ullrich, aus dem Seminar "Vertiefung Print/ Online" des 3. Semesters


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